Abmischung (engl. âmixingâ oder âmixdownâ) ist in der Audio-Produktion (Musik, Film, Hörspiel, Hörbuch usw.) die ZusammenfĂŒgung aller analog oder digital bearbeiteten einzelnen Tonspuren zu einer Einheit, dem Summensignal (engl. âstemâ). Es handelt sich um den vorletzten Prozess im Tonstudio, dem nur noch das Mastering folgt.
Beim Film wird unter Abmischung im weiteren Sinne die gegenseitige Abstimmung der Tonspuren (Dialoge, GerÀusche, Musik, Soundeffekte und EffektgerÀusche) und im engeren Sinne die Mischung der vielen Toninformationen zu einem Masterband und die Verbindung der Tonspuren mit der Masterkassette verstanden.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Phase der Abmischung gibt es in Tonstudios erst seit der Entwicklung der Mehrspurtechnik. Das Mehrspurverfahren begann im Januar 1943 mit Zweispurtechnik, die bereits stereotauglich war. Die Toningenieure Helmut KrĂŒger und Ludwig Heck begannen zu jener Zeit bei der Reichsrundfunkgesellschaft in Berlin mit der Anfertigung von Stereoaufnahmen fĂŒr Archivzwecke.[1] Eine Abmischung im heutigen Sinne war dabei noch nicht möglich, da beide Spuren synchron auf demselben Tonband aufgenommen wurden und dieselben Tonsignale aufnahmen. Erst der von Ampex im Oktober 1955 vorgestellte Dreispur-Recorder (âSelective Synchronous Recordingâ, âSel-Syncâ) erlaubte einen Overdub und ermöglichte erstmals die Anwendung von Abmischungstechniken.[2]
Die Rock-&-Roll-Erfolgsautoren Jerry Leiber und Mike Stoller beschritten neue Wege in der Studiopraxis der Popmusik, als sie sich wie nie zuvor in den Aufnahmeprozess einmischten[3] und ihre eigenen Kompositionen in der Studioarbeit umsetzten. Ihre technischen Möglichkeiten im Tonstudio waren 1955 immer noch recht bescheiden, denn es konnten lediglich verschiedene Takes zusammengefĂŒgt und Nachhalleffekte erzeugt werden.[4] Leiber/Stoller waren ab 1956 die ersten, die zu Gestaltungszwecken in den Aufnahmeprozess massiv eingriffen und Abmischtechniken als akustisches Gestaltungsmittel einsetzten.
Phil Spector arbeitete mit Dreispurtechnik und entwickelte durch verdoppelte oder gar verdreifachte Overdubbings (âdouble trackingâ), durch den Nachhall einer Echokammer eine Phasenverschiebung und durch Ăberorchestrierung oder symphonische Produktion den Wall of Sound. Spector nannte seine Abmischungstechnik âkleine Symphonien fĂŒr Jugendlicheâ in einer wagnerischen AnnĂ€herung an den Rock & Roll.[5] Das Endergebnis waren hoch verdichtete, fĂŒr Transistorradios gedachte Musikproduktionen.
Noch stĂ€rkeren Wert auf Abmischungstechniken legte der Beatles-Musikproduzent George Martin, der ĂŒberwiegend mit Vierspurtechnik aufnahm. Er und die Toningenieure Norman Smith und Geoff Emerick versuchten ab 1967, die Klangbilder der Beatles zu interpretieren und auf Band zu konservieren. John Lennon stellte sich beim Titel Being for the Benefit of Mr. Kite! eine Kirmes- oder ZirkusatmosphĂ€re vor, weswegen man eine Collage zirkustypischer Dampforgelaufnahmen einbaute.[6]
Tonstudio
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der fortgeschrittenen analogen Zeit waren TonbandgerĂ€te (Mehrspurrekorder) und TonbĂ€nder fĂŒr das Mehrspurverfahren vorgesehen. Aus dieser Zeit hat sich der Begriff âTonspurâ in die digitale Technik hinĂŒbergerettet, obwohl es sich hierbei heutzutage um getrennte Audiodateien handelt. WĂ€hrend des Aufnahmeprozesses (ârecording sessionâ) werden einzelne Instrumente und Stimmen auf individuelle Tonspuren aufgenommen; die ursprĂŒngliche Klangeinheit wird dadurch in ihre Klangquellen zerlegt. Dabei wird fĂŒr jedes Instrument eine eigene Spur reserviert und vom Rest der Klangquellen separiert. Die Anzahl der verwendeten Spuren hĂ€ngt von der Anzahl der Instrumente und der Anzahl der fĂŒr die Aufnahme verwendeten Mikrofone ab. Die Aufnahme auf getrennten Dateien oder Tonspuren hat den Vorteil, dass die auf einer einzelnen Spur befindlichen stimmlichen oder instrumentalen MĂ€ngel einzeln bearbeitet werden können oder nur die betroffene Spur neu aufgenommen wird. Eine Neuaufnahme mit allen Beteiligten â wie es bei der Einspurtechnik erforderlich wĂ€re â bleibt somit erspart.
Abmischungsphasen in der populÀren Musik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ist bei allen Tonspuren das letzte Take aufgenommen, können in einer weiteren Phase alle selektierten Tonspuren zu einer Einheit zusammengefĂŒgt werden. Hierdurch soll ein natĂŒrlich klingender, ausgewogener und kommerziell verwertbarer Gesamtklang erreicht werden. Beim Mixing werden die LautstĂ€rken der einzelnen Tonspuren aufeinander angepasst und diese im Stereopanorama, rechts und links, oder auf einem Kanal verteilt. Insbesondere wird die Balance der Pegel zwischen Rhythmusgruppe, Hintergrundinstrumenten und Hintergrundgesang sowie Leadinstrumenten und -gesang festgelegt. Der Mixing-Engineer kann die Musik so abbilden, wie sie auf einem Konzert klĂ€nge (etwa Schlagzeug und SĂ€nger in der Mitte, Bass daneben und Gitarren an den Seiten). Es gibt jedoch auch Abmischungen mit komplexen Soundcollagen, bei denen von vorneherein feststeht, dass sie bei Live-Auftritten nicht mehr reproduzierbar sind (etwa Teile der Beatles-LP Sgt. Pepperâs Lonely Hearts Club Band).
Nachbearbeitung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es gibt die nicht-additive und die additive Klangbearbeitung. Bei der nicht-additiven geht es um Stummschaltung einzelner Tonspuren (mute) oder LautstĂ€rkeanpassung der Spuren (Pegel). Die additive Klangbearbeitung findet im Rahmen der Postproduktion (Nachproduktion; âpost-productionâ) statt. Hier können die einzelnen Tonspuren mit Soundeffekten bearbeitet werden. Diese sorgen einerseits dafĂŒr, dass jedes Instrument als solches wahrgenommen werden kann und andererseits das MusikstĂŒck als Einheit entsteht. Der Equalizer schafft mehr Raum fĂŒr andere Tonspuren und arbeitet den Charakter eines Instruments stĂ€rker heraus. Nachhall oder Kompression sorgen dafĂŒr, dass der Song zu einer Einheit reift. Der Mixing-Prozess findet seinen Abschluss darin, dass das MusikstĂŒck auf eine einzige Stereospur (mit jeweils einem Kanal links und einem rechts) zusammengefasst wird. Es ergibt sich daraus ein fertig synchronisierter Musiktitel, der als Grundlage fĂŒr das Mastertape dient.[7] Insgesamt wird beim Abmischen die musikalische Balance hergestellt und die klangliche Gestaltung abgeschlossen.
Tonmeister
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Tonmeister (oder âmixing engineerâ) bedient sich bei der Abmischung eines Mischpultes (Konsole), das fĂŒr jede Tonspur eigene Regelungsmöglichkeiten und Effekte vorsieht. Die Abmischung durch den Tonmeister ist in der Pop- und Rockmusik im Hinblick auf die KlangqualitĂ€t als eigenstĂ€ndiges Ă€sthetisches Gestaltungsmittel von gröĂter Bedeutung.
So sorgte beispielsweise Chefingenieur Lawrence Thomas Horn bei Motown Records fĂŒr die endgĂŒltige Abmischung. Deren Ergebnis wurde freitags dem Labelinhaber Berry Gordy im Rahmen der âQuality Controlâ vorgelegt und begutachtet, bevor es zum Mastering kam. Wesentliches Kriterium war die Filterung des Klangs, damit durch das belassene Spektrum der Obertöne Residualtöne entstanden.[8]
Film
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Mischung (engl. âmixâ oder âre-recordingâ) wird bei der Filmproduktion der Prozess bezeichnet, bei dem aus den verschiedenen Toninformationen, die bei der Entstehung eines Films zustande kamen, ein Masterband hergestellt wird. HierfĂŒr werden insbesondere AtmosphĂ€re, Originalton, Synchronisation oder Soundeffekte zusammengefĂŒhrt. Als Vormischung (âpremixâ) wird die ZusammenfĂŒhrung mehrerer Spuren des gleichen Tontyps (GerĂ€usch, Sprache, Musik) bezeichnet, Endmischung (âfinal mixâ) ist die ZusammenfĂŒhrung der vorgemischten Spuren mit den Musikspuren.
Abgrenzung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im engeren Sinn gehört die Abmischung bereits zur Postproduktion (Nachbearbeitung). Zur Postproduktion zĂ€hlen bei der Musikproduktion alle VorgĂ€nge, die zwischen dem Ende der Musikaufnahmen und der Auslieferung des fertigen Masterbandes liegen. Auch das an das Mixing anschlieĂende Audio Mastering ist Teil der Nachbearbeitung.
In der Phasengliederung einer Filmproduktion sind Nachproduktion sĂ€mtliche VorgĂ€nge, die zwischen dem Ende der Dreharbeiten und der Auslieferung des fertigen Films liegen. Das wĂ€hrend der Dreharbeiten entstandene Film- und Tonmaterial wird geordnet und geschnitten, bild- und tontechnisch bearbeitet, Spezialeffekte eingefĂŒgt, die Farben korrigiert, der Ton angelegt sowie die Kopierwerksarbeiten koordiniert, ĂŒberwacht und kontrolliert.[9]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Georg Berhausen-Land: Die Kunst des Mixens am PC. Wizoobooks, 2006, ISBN 978-3-934903-54-8.
- Florian Gypser, Holger Steinbrink: Mixing Praxis Guide. audio-workshop, 2007.
- Florian Gypser: Mixing. audio-workshop, 2007.
- Bobby Owsinski: Mischen wie die Profis. 2. Auflage. GC Carstensen Verlag, 2013, ISBN 978-3-910098-44-2.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Abmischen & Mixing Tutorial auf delamar Viele Beispiele aus der Praxis zum Thema Abmischen
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Cream of Audio, Stereophonie bei der RRG, vom 13. August 2010
- â Mix Online: Ampex Sel-Sync 1955: When the Roots of Multitrack Took Hold ( vom 31. Januar 2010 im Internet Archive)
- â Virgil Moorefield: The Producer as Composer. 2010, S. 7.
- â Virgil Moorefield: The Producer as Composer. 2010, S. 8.
- â Richard Williams, Phil Spector: Out of His Head. 2003, Kapitel 5: Little Symphonies for the Kids, S. 53 ff.
- â Mark Lewisohn, The Beatles Recording Sessions, 1988, S. 99
- â Wieland ZiegenrĂŒcker, Peter Wicke: Sachlexikon Popmusik. 1987, S. 9.
- â Peter Wicke: Rock und Pop: Von Elvis Presley bis Lady Gaga. 2011, S. 81.
- â Das Lexikon der Filmbegriffe der Uni Kiel, Artikel Mischung, Tonmischer
