| Klassifikation nach ICD-10 | |
|---|---|
| F65.5 | Sadomasochismus |
| ICD-10 online (WHO-Version 2019) | |
| Klassifikation nach ICD-11 | |
|---|---|
| 6D33 | Sexuell-sadistische Störung unter AusĂŒbung von Zwang |
| ICD-11: Englisch âą Deutsch (Vorabversion) | |
Sadismus wird im allgemeinen Sprachgebrauch fĂŒr die Freude am Leid anderer verwendet. Das Gegenteil vom Sadismus â den Lustgewinn durch Erleiden von Schmerz oder DemĂŒtigung â bezeichnet man als Masochismus.
Sexueller Sadismus ist die Erregung und sexuelle Befriedung durch das ZufĂŒgen von Schmerzen oder Erniedrigung. Dabei unterscheidet man zwischen einvernehmlichen sadomasochistischen Praktiken im BDSM-Bereich, die als sexuelle Vorlieben keinerlei Krankheitswert haben, und behandlungsbedĂŒrftigen sadistischen Störungen.
Aktuelle Diagnosekriterien wie DSM-5 oder ICD-11 gehen von einer behandlungsbedĂŒrftigen Störung nur dann aus, wenn die Erregung auf Praktiken mit Zwang und ohne Einvernehmlichkeit gerichtet ist, deren Ausleben schwere Straftaten bedeuten kann.[1]
Herkunft des Begriffs
Der Begriff Sadismus wurde laut Volkmar Sigusch[2] vom deutschen Psychiater und Gerichtsmediziner Richard von Krafft-Ebing aus dem Französischen entlehnt. Er war bereits seit 1834 (Dictionnaire Universel de Boiste, achte Ausgabe)[3] in Frankreich in Gebrauch. Im deutschsprachigen Raum fĂŒhrte ihn Krafft-Ebing erstmals 1866 als Bezeichnung einer Pathologie ein. Er bildete diesen Begriff nach de Sade, der in seinen Romanen pornografische Inhalte mit Gewaltfantasien gemischt hatte.
Definition
Sadistische Praktiken werden inzwischen nicht mehr generell als Störung der SexualprĂ€ferenz angesehen. Der ICD-11 kennt lediglich die âSexuell-sadistische Störung unter AusĂŒbung von Zwangâ; diese bezieht sich nur auf nicht-einvernehmlichen Sadismus und nicht auf einvernehmliche Praktiken.
Im ICD-10 galt Sadomasochismus noch als âStörung der SexualprĂ€ferenzâ (SchlĂŒssel F65.5), die dort wie folgt beschrieben wird: Es werden sexuelle AktivitĂ€ten mit ZufĂŒgung von Schmerzen, Erniedrigung oder Fesseln bevorzugt. Wenn die betroffene Person diese Art der Stimulation erleidet, handelt es sich um Masochismus; wenn sie sie jemand anderem zufĂŒgt, um Sadismus. Oft empfindet die betroffene Person sowohl bei masochistischen als auch sadistischen AktivitĂ€ten sexuelle Erregung.[4] Die American Psychiatric Association (APA) (Amerikanische Psychiatrische Vereinigung) hat mit dem Erscheinen des DSM IV im Jahr 1994 weiterreichende Diagnosekriterien veröffentlicht, nach denen BDSM eindeutig nicht mehr als Störung der SexualprĂ€ferenz angesehen wird.
AusprÀgungen des Sadismus
Im medizinischen Sinn kann man im Wesentlichen zwischen zwei AusprÀgungen des Sadismus unterscheiden:
Nicht vorwiegend sexuell motivierter Sadismus
Erich Fromm analysierte diese Form des Sadismus in seinem Werk Anatomie der menschlichen DestruktivitĂ€t und portrĂ€tierte dort Heinrich Himmler als klinischen Fall des anal-hortenden Sadismus (zur Analyse von Sadismus/Masochismus bei Fromm siehe auch sein Werk Die Furcht vor der Freiheit). Erich Fromm beschreibt in seinem Werk Die Kunst des Liebens den Sadismus auch als das Verlangen des Menschen, sich selbst und seine Mitmenschen zu kennen. Dieses könne auf der einen Seite durch Liebe, auf der anderen Seite durch Grausamkeit und Zerstörungslust geschehen. Ein Beispiel hierfĂŒr sei bei Kleinkindern das Zerbrechen von GegenstĂ€nden, um diese dadurch kennenzulernen.
Sexualsadismus
Das AusĂŒben von Macht oder Gewalt ĂŒber andere Menschen oder auch Tiere ist fĂŒr die betroffenen Patienten eine Quelle sexueller Erregung. Sadistische Handlungen stellen dabei oft das Vorspiel fĂŒr den Geschlechtsverkehr dar oder der Geschlechtsverkehr selbst wird in einer Weise praktiziert, die den Partner herabwĂŒrdigt, demĂŒtigt oder ihm Schmerzen bereitet. Eine Sonderform des sexuell motivierten Sadismus ist der Kompensatorische Sadismus, bei dem die sadistische Handlung die sexuelle Befriedigung vollstĂ€ndig ersetzt.
Sexuell motivierter Sadismus und kompensatorischer Sadismus können zu schweren (Sexual-)Straftaten fĂŒhren, in besonders schweren FĂ€llen bis hin zu Tötungshandlungen. Diese treten im Rahmen der sehr seltenen schweren progredienten Paraphilien auf, bei denen sadistische Fantasien und WĂŒnsche das Verhalten bestimmen. ExtremfĂ€lle können sich ĂŒber Jahrzehnte entwickeln, zum Serienmord fĂŒhren und auch Kinder zu Opfern machen.
Diese ExtremfĂ€lle haben das Bild des SexualstraftĂ€ters und des psychisch gestörten Rechtsbrechers in der Ăffentlichkeit unter dem Druck der Medien stark geprĂ€gt und 1998 in Deutschland zu einer Strafrechtsreform gefĂŒhrt, in deren Folge Entlassungen aus Haft und MaĂregelvollzug erschwert wurden.
Diagnose, Therapie, Prognose
Die Diagnose einer PrĂ€ferenzstörung ist erst dann zu stellen, wenn eines oder mehrere der Symptome im Zeitraum von 6 Monaten mehrmals aufgetreten sind.[5] Die Diagnose Sadismus oder Masochismus wird laut der Kriminalpsychologin Lydia Benecke hinsichtlich der sexuell motivierten AusprĂ€gung dieser Störungen gestellt,[6] wenn der Betroffene einvernehmliche Praktiken ablehnt und anders als durch die AusĂŒbung sadistischer oder masochistischer Praktiken keine sexuelle Befriedigung erlangen kann oder seine eigene sadistisch oder masochistisch geprĂ€gte SexualprĂ€ferenz selbst ablehnt (Leidensdruck) und sich in seinen LebensumstĂ€nden eingeschrĂ€nkt fĂŒhlt oder anderweitig darunter leidet. Einvernehmlich gelebte oder auch heimliche sexuelle Vorlieben fĂŒr sadistische Praktiken im Sinne des âBDSMâ erfĂŒllen in aller Regel die Kriterien fĂŒr die Diagnosestellung des Sadismus im heutigen medizinischen Sinne nicht und sind lediglich eine soziologisch andersartige AusprĂ€gung der SexualitĂ€t.
Als âBasisbehandlungâ gilt die Psychotherapie. Sie wird gegebenenfalls entsprechend der Schwere und GefĂ€hrlichkeit der Störung kombiniert mit medikamentöser Therapie.[5] Bei PrĂ€ferenzstörungen, die zu Straftaten fĂŒhren, haben sich besonders gezielte kognitiv-verhaltenstherapeutische Programme etabliert, die meist als Gruppentherapie angeboten werden.[5]
Sexualsadismus ist nur schwer beeinflussbar. Sexuelle Neigungen sind nicht reversibel. Bei fixierten Störungen der SexualprĂ€ferenz mit AusschlieĂlichkeit ist Beeinflussbarkeit Ă€uĂerst fraglich. Bei StraftĂ€tern aus dieser Gruppe ist die Zahl frĂŒherer AuffĂ€lligkeiten sowie das Vorliegen einer antisozialen Persönlichkeitsstörung ein prognostischer Faktor. Die FĂ€higkeit, die eigenen paraphilen Impulse zu kontrollieren, kann durch Therapie erhöht werden.[5]
Literatur
- Lucy Foulkes: Sadism: Review of an elusive construct. In: Personality and Individual Differences. Band 151, 2019, doi:10.1016/j.paid.2019.07.010.
- Lydia Benecke: Sadisten: Tödliche Liebe â Geschichten aus dem wahren Leben, Bastei LĂŒbbe (LĂŒbbe Ehrenwirth); 6. Aufl. 2015 Edition (12. Februar 2015), ISBN 978-3-431-03899-6
- Ăber MoralitĂ€t, Sadismus und Verwandtes. In: Andreas Dorschel: Nachdenken ĂŒber Vorurteile. Felix Meiner, Hamburg 2001, ISBN 3-7873-1572-1, S. 129â174.
- Erich Fromm: Anatomie der menschlichen DestruktivitÀt. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1974, ISBN 3-421-01686-0. (Orig. 1973)
- Otto Goldmann: Das Sexuallaster in seinen Abarten. In: Leo Schidrowitz (Hrsg.): Sittengeschichte des Lasters. Die Kulturepochen und ihre Leidenschaften (= Sittengeschichte der Kulturwelt und ihrer Entwicklung in Einzeldarstellungen. Band 5). Verlag fĂŒr Kulturforschung, Wien/Leipzig 1927, S. 185â252, hier: S. 223â252 (Sadismus und unnatĂŒrliche Verirrungen).
- Eberhard Schorsch, Nikolaus Becker: Angst, Lust Zerstörung â Sadismus als soziales und kriminelles Handeln. Zur Psychodynamik sexueller Tötungen. Psychosozial-Verlag, GieĂen 2000, ISBN 3-89806-048-9.
- Sheldon Bach: The Language of Perversion and the Language of Love (Library of Clinical Psychoanalysis), Jason Aronson 1999, ISBN 978-0-7657-0230-2
Weblinks
Einzelnachweise
- â Sexueller Sadismus: Aktueller Wissensstand und die Codierung gemÀà DSM-5-TR und ICD-11, abgerufen am 1. Dezember 2021
- â Volkmar Sigusch: Geschichte der Sexualwissenschaft. Campus, Frankfurt am Main u. a. 2008, ISBN 978-3-593-38575-4, S. 175â193.
- â (fr) Pierre Claude Victoire Boiste et Charles Nodier: Dictionnaire universel de la langue française, avec le latin et les Ă©tymologies, extrait comparatif, concordance, critique et supplĂ©ment de tous les dictionnaires français
- â ICD-10-GM Version 2005.
- â a b c d Deutsche Gesellschaft fĂŒr Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V., abgerufen am 2. Dezember 2021
- â Die Sadisten-Versteherin ( des vom 1. Dezember 2021 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., Deutschlandfunk Nova, abgerufen am 1. Dezember 2021
