
Die Goethe-Allee ist (neben der Groner-Tor-Straße) die wichtigste westliche Einfallstraße der Innenstadt von Göttingen in Südniedersachsen. Sie verläuft über rund 460 m Länge in West-Ost-Richtung und verbindet im Westen die Ringstraße der Berliner Straße und das Areal um den Bahnhof Göttingen mit der Innenstadt. Östlich stößt sie auf den Leinekanal, nach dessen Überbrückung in direkter Fortsetzung die Prinzenstraße als Fußgängerzone anschließt, welche auf die quer verlaufende Haupteinkaufsstraße der Weender Straße stößt.
Geschichte
18./19. Jahrhundert
Der Straßenname Goethe-Allee existiert seit der Benennung im Goethe-Jahr 1932[1] zum Andenken an den 100. Todestag von Johann Wolfgang von Goethe, der sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehrmals kurz in Göttingen aufhielt. Nachdem er zuvor im Hotel Krone an der Weender Straße logierte, wohnte er vom 18. Juli bis 14. August 1801 in der damaligen Allee-Strasse im Haus des Musikinstrumentenmachers Johann Paul Krämer im ersten Obergeschoss.[2][3] Über die dort erlebten nächtlichen Lärmbelästigungen berichtete Goethe humorvoll und ausführlich in seinen Tag- und Jahresheften 1801.[4] Am Eckhaus Goethe-Allee 12 erinnert seit 1901 eine Göttinger Gedenktafel an Goethes Aufenthalt.[5]
Der Bindestrich im Straßennamen Goethe-Allee sollte an die vorherigen Straßennamen Allee bzw. Allee-Straße erinnern.[1] Diese war auf einem zuvor sumpfigen Gelände der Maschgemeinde[6] in den 1730er[7] Jahren im Zusammenhang mit dem Ausbau und der Verschönerung der noch jungen Universitätsstadt angelegt worden und nahm im kleineren Maßstab gestalterische Motive der etwa 90 Jahre älteren Neustädtische Allee (heute Unter den Linden) in Berlin auf. Die Göttinger Allee zählte nach Ansicht des Kunsthistorikers Friedrich Wilhelm Unger 1861 zu „deren schönsten Zierden“[8]. Ihre Lage war so attraktiv, dass sie zur bevorzugten Wohngegend der Professorenschaft wurde: Der Magistrat der Stadt protokollierte 1767, dass „seit Bewirkung dieser Veränderungen mehrere Professores in selbiger Gegend Häuser angekaufet, oder sich daselbst eingemiethet haben (...)“.[9] 1740–1742 entstand nach Entwurf von Joseph Schädeler an der Allee ein großes zweigeschossiges Fachwerkgebäude mit einem Fechtboden, das zu Gründungsausstattung der Georg-August-Universität gehörte und Anfang der 1970er Jahre abgebrochen wurde.[10]
Die breite barocke Wohn- und Spazierstraße mit der einzigen innerstädtischen Baumallee kannte jedoch zunächst noch keinen Ausgang und Ausblick aus der Stadt, sondern stieß im Westen stumpf an den Wall, der an dieser Stelle erst 1765[11] im Zuge der Entfestigung der Stadt durchbrochen wurde. Stattdessen entstand hier das fünfte Stadttor, das Allee Thor, eine Anlage aus Pfeilern und Eisengittern. Als westlicher Point de vue der Alleestraße wurde außerhalb der Stadt die klassizistische Neue Anatomie der Universität erbaut; sie entstand 1827–1829 nach Plänen von Justus Heinrich Müller[12][13] und fiel kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs am 7. April 1945 einem der relativ wenigen Bombentreffer in Göttingen zum Opfer.[14]
Eine weitere Bedeutung erlangte die Alleestraße durch den vor dem Wall – nördlich neben der Neuen Anatomie – neu angelegten und 1854 eingeweihten Göttinger Bahnhof, so dass die Goethe-Allee noch heute der kürzeste direkte Weg von der Eisenbahn in die Innenstadt ist.
Ab 1858 kniete am Alleetor auf einem Sockel ein bronzener Spendenengel[15][16], der von Passanten „Gaben für die Armen“[17] aufnahm; dieser sogenannte Bödekerengel steht heute im Vorgarten des Städtischen Museums Göttingen.[18][19][20][21][22] Für eine bessere Verbindung in die Stadt wurde das Allee Tor 1875[23] abgetragen. Sandsteinpfeiler und gusseiserne Zaunfelder sollen nach einer zwischenzeitlichen Einlagerung 1881 als Eingang zur Gärtnerei des neu angelegten Göttinger Stadtfriedhofs wiederverwendet worden sein.[24]
- Die Alleestraße im 18./19. Jahrhundert
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Blick nach Westen in die barocke Allee Straße mit noch jungen Bäumen, kolorierter Kupferstich von Georg Daniel Heumann, 1747: In der Mitte das Grätzelhaus (heute Goethe-Allee 8), rechts im Vordergrund das Michaelishaus (heute Prinzenstraße 21)
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Blick in die Alleestraße mit dem Kuppelbau der Neuen Anatomie im Hintergrund. Aquarellierte Federzeichnung von Friedrich Besemann, um 1840.
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„Die Allee in Göttingen“, Blick von der Leinekanalbrücke nach Westen. Kolorierter Kupferstich, erste Hälfte 19. Jahrhundert.
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Blick von den Stufen der Neuen Anatomie über deren Vorgarten hinweg nach Osten. Kolorierte Radierung von Friedrich Besemann, um 1830. Im Mittelgrund das Allee Thor, dahinter die Allee Strasse.
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Die Allee Strasse im Prizelius-Plan, 1861
20. Jahrhundert
In den 1970er Jahren gestaltete man die Goethe-Allee autogerecht um: Der mit der Linden-Allee gesäumte Mittelstreifen wurde zum Autoparkplatz und alle Bäume gefällt[25], so dass „von dem noblem Stil dieser Straße aus dem 18. Jh. nicht mehr viel zu spüren“[6] war. Später sind 28 Linden[26] nachgepflanzt, die unterdessen (Stand 2025) Stammdurchmesser von durchweg 50–60 cm[26] erreichten. Die neue Allee-Außenpflanzung weicht allerdings entscheidend ab vom historischen Vorbild und lässt in der Mitte Platz für eine breite Asphaltfahrbahn.
Seit 1999 hat die Goethe-Allee wieder einen westlichen Point de vue: den im Zuge der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes und des Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) geschaffenen „Ceres-Pavillon“[27] mit seiner auffälligen kegelförmigen Spitze von etwa 14 m Höhe, der ursprünglich als zentraler „Stadtinformationsturm“[28] dienen sollte.
- Die Goethe-Allee im 20. Jahrhundert
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Blick in die Goethe-Allee Richtung Osten, nach Fällung der Lindenallee und mit Mittelparkplatz (Ende der 1970er Jahre)
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Blick von der Berliner Straße nach Osten in die Goethe-Allee (2025)
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Blick von der Leinekanal-Brücke nach Westen in die Goethe-Allee (2025)
Kunst im öffentlichen Raum
Die Goethe-Allee wird von Kunstwerken im öffentlichen Raum gesäumt. Im Westen steht an der früheren Stelle des Alleetors die Marmorskulptur »Mensch und Wissenschaft« (2005) von Wolf Bröll.[29] Im weiteren Verlauf Richtung Osten sind auf dem Gehweg fünf von zehn Bronzestelen des »Planetenwegs« (2002) von Reinhold Wittig platziert.[30][31][32]
- Kunst im öffentlichen Raum
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»Mensch und Wissenschaft« von Wolf Bröll
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»Planetenweg« (Station »Sonne«) von Reinhold Wittig
Siehe auch
Literatur
- Otto Deneke: Das Alleetor in alter Zeit. In: Göttinger Tageblatt, 16./17. November 1935, S. 3.
- Manfred Kortüm: Die Goethe-Allee. Porträt einer Straße. In: Göttinger Jahresblätter. Jahrgang 5, 1982, S. 84–85.
- Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 58 f. (Digitalisat auf digi.ub.uni-heidelberg.de, abgerufen am 15. Februar 2025)
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b Gerd Tamke, Rainer Driever: Göttinger Straßennamen. 3. neu überarbeitete, wesentlich erweiterte Auflage, Göttingen 2012 (= Veröffentlichung des Stadtarchivs Göttingen, 2). Digitalisat (PDF) im Internet auf stadtarchiv.goettingen.de, abgerufen am 13. Februar 2025 (ohne Seitenzählung, PDF-Seite 93).
- ↑ Goethes Werke, 24. Teil, Hrsg. H. Düntzer, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart (o.J), S. 111. (Digitalisat auf books.google.com, abgerufen am 16. Februar 2025).
- ↑ Der schon auf Goethes Hinreisestop in Göttingen ausgefertigte Mietvertrag vom 11. Juni 1801 ist überliefert: »Der gute Kopf leuchtet überall hervor«. Goethe, Göttingen und die Wissenschaft. Hrsg. Elmar Mittler, Elke Purpus, Georg Schwedt. Wallstein, Göttingen 1999, ISBN 3-89244-367-X, S. 252 f.
- ↑ Vollständig abgedruckt in: Goethes Werke, 24. Teil, Hrsg. H. Düntzer, Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart (o.J), S. 114 ff. (Digitalisat auf books.google.com, abgerufen am 16. Februar 2024). – Auch wiedergegeben von Georg Schwedt: Goethe-Orte in und um Göttingen. In: »Der gute Kopf leuchtet überall hervor«. Goethe, Göttingen und die Wissenschaft. Hrsg. Elmar Mittler, Elke Purpus, Georg Schwedt. Wallstein, Göttingen 1999, ISBN 3-89244-367-X, S. 10–25, hier S. 16 f.
- ↑ Siegfried Schütz, Walter Nissen: Göttinger Gedenktafeln. Ein biografischer Wegweiser. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-525-30081-7, S. 82 f. – Ein Vergleich alter Adressbücher und Hausnummern legt nahe, dass Goethe eigentlich im Nachbarhaus (Allee-Strasse 895 = Goethe-Allee 13) abgestiegen war.
- ↑ a b Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 59. (Digitalisat auf digi.ub.uni-heidelberg.de, abgerufen am 15. Februar 2025)
- ↑ Ausführlich zur Planungs- und Entstehungsgeschichte: Jens-Uwe Brinkmann: „Der gantzen Stadt zur Zierde und Annehmlichkeit“. Die öffentliche Bautätigkeit. In: Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum Göttingen, 26. April – 30. August 1987. Erich Goltze, Göttingen 1987, S. 255–324, hier S. 282 ff.
- ↑ Friedrich Wilhelm Unger: Göttingen und die Georgia Augusta. Eine Schilderung von Stadt, Land, Leuten in Vergangenheit und Gegenwart für Einheimische und Fremde. Deuerlich, Göttingen 1861, S. 76. (Digitalisat, auf digitale-sammlungen.de, abgerufen am 14. Februar 2025)
- ↑ Jens-Uwe Brinkmann: „Der gantzen Stadt zur Zierde und Annehmlichkeit“. Die öffentliche Bautätigkeit. In: Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum Göttingen, 26. April – 30. August 1987. Erich Goltze, Göttingen 1987, S. 255–324, hier S. 288.
- ↑ Wolfgang Gresky: Göttinger Bauten und ihre Geschichte (11). Allee Nr. 3: Der Fechtboden von 1742. In: Göttinger Monatsblätter (Beilage zum Göttinger Tageblatt), Ausgabe 12, Februar 1975, S. 2–3.
- ↑ Jens-Uwe Brinkmann: „Der gantzen Stadt zur Zierde und Annehmlichkeit“. Die öffentliche Bautätigkeit. In: Göttingen im 18. Jahrhundert. Eine Stadt verändert ihr Gesicht. Texte und Materialien zur Ausstellung im Städtischen Museum Göttingen, 26. April – 30. August 1987. Erich Goltze, Göttingen 1987, S. 255–324, hier S. 287.
- ↑ Alfred Oberdiek: Göttinger Universitätsbauten. Die Baugeschichte der Georg-August-Universität. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Verlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 2002, ISBN 3-924781-46-X, S. 40 f.
- ↑ Christian Freigang: Architektur und Städtebau von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis 1866. In: Ernst Böhme, Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Göttingen, Geschichte einer Universitätsstadt. Band 2: Vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Anschluss an Preußen – Der Wiederaufstieg als Universitätsstadt (1648–1866). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-36197-1, S. 765–812, hier S. 793 ff. und Abb. 15.
- ↑ Matthias Heinzel: 7. April 1945: Der letzte Luftangriff auf Göttingen, Artikel vom 2. Juni 2010, Göttinger Tageblatt (auf goettingen.de, im Internet Archive)
- ↑ Horst Michling: Als es noch Engel in Göttingen gab ... In: Göttinger Monatsblätter (Beilage zum Göttinger Tageblatt), Ausgabe 10, Dezember 1974, S. 4–5. (S. 5 mit Abbildung des Engels am Ausgang der Goethe-Allee. – Ergänzung in Ausgabe 11 von Januar 1975, S. 5.)
- ↑ Walter Nissen: Göttinger Denkmäler, Gedenksteine und Brunnen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1978, ISBN 3-525-39149-8, S. 35 f.
- ↑ Friedrich Wilhelm Unger: Göttingen und die Georgia Augusta. Eine Schilderung von Stadt, Land, Leuten in Vergangenheit und Gegenwart für Einheimische und Fremde. Göttingen 1861, S. 125. (Digitalisat, auf digitale-sammlungen.de, abgerufen am 16. Februar 2025)
- ↑ Michael Brakemeier: Falkenreck-Stiftung saniert Göttinger Spendenengel. (PDF) In: stiftung-falkenreck.de. 5. Mai 2018, abgerufen am 16. Februar 2025 (Wiedergabe des Artikels aus dem Göttinger Tageblatt auf der Website der Falkenreck-Stiftung).
- ↑ File:Vorgarten des Städtischen Museums zu Göttingen.jpg
- ↑ Bernd Schlegel: Engel sammeln wieder Spenden fürs Städtische Museum in Göttingen. In: hna.de. 17. August 2019, abgerufen am 16. Februar 2025.
- ↑ Izabela Mihaljewic: Städtisches Museum, Blog. Unsere Engel sind ausgeflogen! In: stiftung-falkenreck.de. 15. Dezember 2019, abgerufen am 16. Februar 2025 (Screenshot des Internet-Blogs von der Seite des Städtischen Museums Göttingen).
- ↑ August 2019. In: stiftung-falkenreck.de. Dipl.-Ing. Horst & Dr. Ingrid Falkenreck-Stiftung, 2019, abgerufen am 16. Februar 2025.
- ↑ Vergessene Straßennamen - A (Alleetor). In: alte-strassen-in-goettingen.hpage.com. Klaus Wenzel, abgerufen am 14. Februar 2025.
- ↑ Jan Volker Wilhelm: Translozierungen in der Stadt des 18. bis 20. Jahrhunderts. In: Bauten in Bewegung. Von der Wiederverwendung alter Hausgerüste, vom Verschieben und vom Handel mit gebrauchten Häusern, von geraubten Spolien, Kopien und wiederverwendeten Bauteilen (= Denkmalpflege und Forschung in Westfalen, Bd. 47). Hrsg. Fred Kaspar. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2007, ISBN 978-3-8053-3856-1, S. 282–296, hier S. 282.
- ↑ Manfred Kortüm: Die Goethe-Allee. Porträt einer Straße. In: Göttinger Jahresblätter, Jg. 5, 1982, S. 84–85, hier S. 85.
- ↑ a b Baumkataster der Stadt Göttingen. In: experience.arcgis.com. Stadt Göttingen, Fachdienst Geoservice und Grundstücke, abgerufen am 15. Februar 2025.
- ↑ Informationspavillon in Göttingen (Deutschland) / Information pavillon in Göttingen (Germany). In: w-volk.de (Virtuelle Ausstellung 'Zeugnisse zu Mathematikern'). Wolfgang Volk, 2009, abgerufen am 15. Februar 2025.
- ↑ Bahnhofsvorplatz Göttingen. (PDF) In: drewes-speth.de. Abgerufen am 21. Dezember 2024.
- ↑ Mensch und Wissenschaft. In: denkmale.goettingen.de. Stadt Göttingen, Fachdienst Kultur, abgerufen am 15. Februar 2025.
- ↑ Planetenweg. In: editionperlhuhn.de. Abgerufen am 15. Februar 2025.
- ↑ Planetenweg. In: denkmale.goettingen.de. Stadt Göttingen, Fachdienst Kultur, abgerufen am 15. Februar 2025.
- ↑ Christoph Mischke: Unsere Galaxis zu Fuß: der Planetenweg. In: goettingen-tourismus.de. Göttingen Tourismus und Marketing e. V., 19. Mai 2023, abgerufen am 15. Februar 2025.
Koordinaten: 51° 32′ 5,2″ N, 9° 55′ 47,7″ O