
Ethnie (Aussprache [ÉtËniË], [etËniË], auch [ËÉtniÌŻÉ];[1] von altgriechisch áŒÎžÎœÎżÏ Ă©thnos âVolk, Stamm, Volkszugehörigeâ) bezeichnet in den Sozialwissenschaften (insbesondere der Ethnologie) eine abgrenzbare soziale Gruppe, die aufgrund ihres intuitiven SelbstverstĂ€ndnisses und GemeinschaftsgefĂŒhls als Eigengruppe eine kollektive IdentitĂ€t entwickelt. Grundlage dieser EthnizitĂ€t können gemeinsame Eigenbezeichnung, Sprache, Abstammung, Wirtschaftsordnung, Geschichte, Kultur, Religion oder Verbindung zu einem bestimmten Gebiet sein.[2][3]
Eine Ethnie muss keine gemeinsame Abstammungsgruppe sein (familienĂŒbergreifend), die Selbstzuschreibung der Zugehörigkeit entsteht mit der Erziehung eines Kindes (familienumfassend) und es muss keine eindeutigen Grenzziehungen geben (Zugehörigkeit zu mehreren Ethnien möglich).[4] Der geschichtliche, soziale und kulturelle Vorgang der Entstehung einer Ethnie wird als Ethnogenese bezeichnet.
Zu rund 1300 weltweit erfassten Ethnien[5] gehört eine groĂe Anzahl indigener Völker (lateinisch âeingeboren, ursprĂŒnglichâ; siehe die Liste indigener Völker). Im Deutschen wird die Bezeichnung âVolkâ gemeinsprachig mit gleicher Bedeutung wie Ethnie verwendet, wĂ€hrend Wissenschaftler sie eher vermeiden oder als Oberbegriff fĂŒr Gesamtgesellschaften aus mehreren verbundenen Ethnien verstehen.[6][7]
Begriffe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das altgriechische Wort áŒÎžÎœÎżÏ Ă©thnos beschreibt die Abgrenzung durch Selbst- und Fremdzuweisung. Seine Bedeutung und Verwendung unterliegt starkem Wandel. Max Weber definiert eine âethnische Gruppeâ folgendermaĂen:
âWir wollen solche Menschengruppen, welche auf Grund von Ăhnlichkeiten des Ă€uĂeren Habitus oder der Sitten oder beider oder von Erinnerungen an Kolonisation und Wanderung einen subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinschaft hegen, derart, dass dieser fĂŒr die Propagierung von Vergemeinschaftungen wichtig wird, dann, wenn sie nicht âSippenâ darstellen, âethnischeâ Gruppen nennen, ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinschaft objektiv vorliegt oder nicht.â[8]
Ethnie oder fast gleichbedeutend ethnische Gruppe sind mehrdeutige Bezeichnungen aus einem weiten Begriffsfeld verwandter AusdrĂŒcke,[9] sie werden innerhalb und zwischen verschiedenen Wissenschaften in unterschiedlichen Grundbedeutungen verwendet:
- Nach der Theorie der ursprĂŒnglichen Bindung (Primordialismus) sind bestimmte menschliche Gruppen reale Einheiten, die sich in realen Merkmalen unterscheiden; Individuen gehören primordialen Gruppen durch ihre Geburt an.
- Nach der in den Sozial- und Geisteswissenschaften vorherrschenden Theorie des Sozialkonstruktivismus sind kollektive IdentitĂ€ten soziale Konstrukte. FĂŒr Konstruktivisten sind ethnische Gruppen geschichtlich entstandene, sozial wirkmĂ€chtige Einheiten, welche die IdentitĂ€t ihrer Mitglieder durch Selbst- und Fremdzuschreibungen prĂ€gen und durch sie geprĂ€gt werden (vgl. EntitativitĂ€t sozialer Gruppen). Sie können durch soziale Prozesse entstehen und wieder untergehen, eine Ethnie kann in einer anderen durch Assimilation aufgehen.
Nach den Konzepten der eher naturwissenschaftlich orientierten Anthropologie und Humangenetik können Ethnien und ethnische Gruppen tatsÀchlich gemeinsame Merkmale oder eine gemeinsame Abstammung aufweisen.[10]
In den Sozialwissenschaften hat sich seit den 1980er Jahren der Konstruktivismus durchgesetzt.[11] Eine Existenz von Ethnien, die unabhĂ€ngig von der sozialen Zuschreibung wĂ€re, wird abgelehnt. Dabei handele es sich um den Fehler des Essentialismus. Der Ethnologe Georg Elwert schrieb 2005, die Vorstellung, dass Ethnien an ein Substrat gemeinsamer Sprache, gemeinsamer Kultur, gemeinsamer Abstammung gebunden werden könnten, sei ânicht mehr haltbarâ.[12] Der Soziologe Matthias Rompel[13] definiert EthnizitĂ€t in Anlehnung an Max Weber als âden irrationalen, subjektiven Glauben einer Gruppe von Menschen an eine gemeinsame Herkunft, gemeinsame Geschichte, gemeinsame Sittenâ. Dieser Glaube diene dazu, eine GruppenidentitĂ€t zu bilden.[14] Der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn erklĂ€rte 2006 die emotionale Bindung von Individuen an die Ethnie, der sie sich angehörig fĂŒhlen, als eine Ăbertragung der sozialen Bindung innerhalb der Familie, die anders als die in der Ethnie aber real sei:
âDie faktische Inexistenz einer sozialen Bezogenheit der Angehörigen einer Ethnie wird durch gefĂŒhlsmĂ€Ăige Surrogate zum Paradigma der intergenerativen Zugehörigkeit transformiert, bei dem die in der Familienstruktur noch nachvollziehbare Abstammung als Gemeinsames der Ethnie halluziniert wird.â
Der Glaube an ein solches Gemeinsames lasse trotz seiner fiktiven Fundierung das Kollektiv Ethnie real in Erscheinung treten.[15] Der Ethnologe Martin Sökefeld nennt das â(normative) Konzept der singulĂ€ren, homogenen Kultur im Nationalstaatâ Primordialismus. Es habe noch lange in den Sozialwissenschaften vorgeherrscht und dazu gedient, Ausgrenzung zu legitimieren. Im Alltagsdiskurs sei es bis in die Gegenwart vorherrschend. Seit einiger Zeit lösten sich deutsche Sozialwissenschaftler davon und wendeten sich stattdessen der Idee der HybriditĂ€t zu, wonach Kulturen nicht als voneinander eindeutig abgrenzbar verstanden werden. Das sogenannte âZwischen den Kulturenâ sei durchaus nicht notwendig problematisch.[16] Den amerikanischen Anthropologen John L. Comaroff und Jean Comaroff zufolge sind Ethnien soziale Konstrukte, die sich âauf breit verankerte Vorstellungen von einem gemeinsamen Ursprung und einer gemeinsamen Kultur sowie auf kulturelle Unterschiede zu anderenâ grĂŒnden. Insofern sei EthnizitĂ€t immer relational: Sie stehe nie fĂŒr sich allein, sondern immer im VerhĂ€ltnis zu den anderen, von denen man sich abgrenzen, die man oft auch abwerten möchte, um die eigene Wir-Gruppe aufzuwerten.[17]
Ăberlappende Begriffe zum Begriff der Ethnie/ethnischen Gruppe sind etwa Stamm, âRasseâ, Volk und Nation.[18] Jede dieser Bezeichnungen meint einen eigenen Begriff, der zudem in verschiedenen Sprachen nicht gleich ist â bei Ăbersetzungen können Verschiebungen der Bedeutung eintreten. Ein âVolkâ (der deutsche Begriff ist durch die Ideen von Johann Gottfried Herder geprĂ€gt) ist etwa eine ethnische Gruppe, die eine Vorstellung von einer gemeinsamen Herkunft, Kultur und Sprache aufweist; ĂŒber den staatsrechtlichen Begriff der VolkssouverĂ€nitĂ€t kann es TrĂ€ger eines Staats sein. Wird eine Ethnie als ein Volk bezeichnet, sind damit unausgesprochene Folgerungen ĂŒber seine IdentitĂ€t und Organisationsform verbunden. Die Bezeichnung Ethnie, gleichbedeutend auch Volksgruppe, wird eher fĂŒr Untergruppen einer gröĂeren Einheit, innerhalb einer Nation oder eines Staates, gebraucht. Durch die rassistischen Ideologien des völkischen Nationalismus und Nationalsozialismus ist dabei das Adjektiv âvölkischâ historisch vorbelastet und nicht mehr als neutral beschreibender Ausdruck verwendbar,[19] wĂ€hrend dem entsprechenden Adjektiv âethnischâ kein solcher Beigeschmack anhaftet.
Abgrenzung Ethnos und Demos
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Soziologe Emerich K. Francis (1906â1994) fĂŒhrte die begriffliche Unterscheidung zwischen dem Demos, dem Staatsvolk, und dem Ethnos, der Abstammungsgemeinschaft, ein.[20] Die Gesamtmenge der Angehörigen eines Volkes im ethnischen Sinne (eines Ethnos) ist nicht identisch mit der Menge der Wahlberechtigten in einem Staat (mit dessen Demos). So sind nicht alle StaatsbĂŒrger Finnlands, Frankreichs, Deutschlands usw. auch ethnische Finnen, Franzosen, Deutsche usw., und nicht alle Angehörigen eines Volks oder einer Volksgruppe bewohnen ihren Nationalstaat, in dem sie die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Es gibt Völker und Volksgruppen ohne âeigenen Staatâ (z. B. Tamilen und Kurden) oder solche, die sich mit anderen Völkern und Volksgruppen einen Staat teilen (in Europa z. B. Schweiz und Belgien).
Im Deutschen ist die Bezeichnung Volksgruppe ĂŒblich. Oft leben verschiedene Volksgruppen in einem Staatsgebiet. Beispielsweise bestand der Vielvölkerstaat Ăsterreich-Ungarn im 19. und 20. Jahrhundert aus verschiedenen Ethnien (vor allem Deutschen, Ungarn, Tschechen (Böhmen), Slowaken, Slowenen, Bosniaken, Kroaten und Italienern). Das gilt auch heute noch fĂŒr die Schweiz, die keine ethnische Einheit bildet, sondern aus verschiedenen ethnischen Gruppen besteht (deutsch-, französisch-, italienisch-, rĂ€toromanisch- und jenischsprachige Schweizer) und aufgrund diverser ethnischer Minderheiten in Deutschland und Ăsterreich (etwa DĂ€nen, Friesen, Sorben, Sinti, Roma, Kroaten, Ungarn) in geringerem Umfang auch fĂŒr diese beiden Staaten. Ganz allgemein lĂ€sst sich sagen, dass es kaum ethnisch homogene Staaten gibt. Besonders heterogen sind Staaten, deren Existenz und willkĂŒrliche Grenzziehung auf die Kolonialzeit zurĂŒckgehen, so zum Beispiel die Staaten SĂŒd- und Mittelamerikas, Afrikas, Asiens und Polynesiens (z. B. Indonesien), oder durch Einwanderung geprĂ€gt sind, wie Nord-, Mittel- und SĂŒdamerika sowie Australien.
Ethnie und Religion
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Osmanischen Reich und im spĂ€teren Jugoslawien wurde als Unterscheidungskriterium der NationalitĂ€ten oder Ethnien hĂ€ufig die Religionszugehörigkeit statt der Sprache verwendet. So war lange Zeit die Bezeichnung âslawische Muslimeâ ĂŒblich und ist es in Serbien und Montenegro teilweise immer noch. Im Zusammenhang mit den Jugoslawienkriegen gelangte 1992 der Begriff âethnische SĂ€uberungâ in die deutsche Sprache.
Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden die jĂŒdische Religion und die Zugehörigkeit zum ethnischen Judentum gleichgesetzt. Seitdem wird dieses Prinzip auch im Zuge der jĂŒdischen Emanzipation und SĂ€kularisierung diskutiert.[21][22] Die Thematik findet in der Ăffentlichkeit spĂ€testens seit 1962 Beachtung, als sich Gerichte in Israel mit der Zugehörigkeit zum Judentum auseinandersetzten.[23] Betroffen sind Personen, die zum Judentum konvertierten, jedoch nicht bei einem orthodoxen Rabbiner, und Personen, deren VĂ€ter Juden sind, wĂ€hrend ihre MĂŒtter, zumindest nach orthodox-jĂŒdischer Auffassung, nicht JĂŒdinnen sind.
Die NĂŒrnberger Gesetze und die Erste Verordnung zum ReichsbĂŒrgergesetz vom 14. November 1935 verbanden die jĂŒdische Religionszugehörigkeit auch mit einer âjĂŒdischen Rasseâ.[24]
Ethnie vs. ethnische Gruppe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Reinhart KöĂler und Tilman Schiel weisen darauf hin, dass âEthnieâ nicht mit âethnische Gruppeâ gleichgesetzt werden dĂŒrfe. Bei âEthnieâ handle es sich um eine etische Kategorie. Nach Georg Elwert sei es somit möglich, dass sich eine âEthnieâ zu einer âethnischen Gruppeâ entwickle. Dies sei der Fall, wenn von âauĂenâ identitĂ€tskonstruierende Merkmale auch emisch die Grundlage eines âWir-GefĂŒhlsâ werden. Nach Hartmut Esser wĂŒrden ethnische Gruppen âaskriptive Gruppen- bzw. identitĂ€tsstiftende Merkmaleâ bei der Abgrenzung gegenĂŒber anderen ethnischen Gruppen hervorheben. Zu diesen Merkmalen wĂŒrden beispielsweise Geschlecht, Sprache, Kultur, eine gemeinsame Geschichte u. v. m. zĂ€hlen. Elwert bemerkt zudem, dass bei ethnischen Gruppen sowohl Selbst- als auch Fremdzuschreibungen vorhanden sein können, die eine Identifizierung mit der âeigenen Gruppeâ und eine Abgrenzung von âanderen Gruppenâ bewirke.[25]
Meist ist die Selbstidentifikation mit der eigenen ethnischen Gruppe so stark, dass sie dem handelnden Individuum als völlig selbstverstĂ€ndlich, gar natĂŒrlich erscheint. Es ist dieses kollektive GefĂŒhl des Einander-zugehörig-Seins oder Anders-Seins, das fĂŒr die Konstitution einer ethnischen Gruppe ausschlaggebend ist. Das Konzept der kulturellen Differenzierung zwischen dem âWirâ und den kulturell âAnderenâ nennt man EthnizitĂ€t. Das Empfinden, einer bestimmten ethnischen Gruppe anzugehören, Ă€ndert sich nicht ohne weiteres dadurch, dass neue Staatsgrenzen gezogen werden: So entschied das Arbeitsgericht Stuttgart, dass ehemalige DDR-BĂŒrger und deren Nachfahren keine Ethnie im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes seien, weil sich binnen 40 Jahren keine separate Geschichte, Sprache, Religion, Tradition und Kultur, kein SolidaritĂ€tsgefĂŒhl sowie keine spezifischen ErnĂ€hrungsgewohnheiten entwickelt hĂ€tten.[26]
Ethnische Gruppen sind keine unverĂ€nderlichen Erscheinungen, sondern definieren sich anhand der Innen- und AuĂensicht von Kollektiven. Es gibt auf der Welt eine Vielzahl ethnischer âWir-Gruppenâ, die einer Vielzahl von anderen ethnischen Gruppen gegenĂŒberstehen. Allerdings sind diese Gruppen und ihr VerhĂ€ltnis zu den âAnderenâ keine biologischen Gegebenheiten. Ethnische Gruppen sind sozial konstruiert und ihre Grenzen verĂ€ndern sich im Laufe der Zeit. Dies unterscheidet das EthnizitĂ€tskonzept wesentlich vom ĂŒberholten Konzept der Rassentheorie, das ausschlieĂlich von einer physischen, biologischen Differenzierung der Menschheit ausgeht. Ethnische Gruppen können beispielsweise miteinander verschmelzen oder sich durch einen Konflikt abspalten.
Das VerhĂ€ltnis zwischen ethnischen Gruppen kann aufgrund der jeweiligen politischen, ökonomischen und sozialen Gegebenheiten verschieden sein. Die ethnische Zugehörigkeit ihrer Mitglieder kann in einer Gesellschaft, die ethnisch niemals homogen ist, nebensĂ€chlich sein oder aber von essentieller Bedeutung fĂŒr die soziale Stellung des Individuums. Kulturelle und ethnische IdentitĂ€t bilden sich in Abgrenzung zu den âAnderenâ. Dies kann auch zu Ethnozentrismus (Interpretation der Umwelt durch die MaĂstĂ€be der eigenen Gruppe) und Xenophobie (Feindseligkeit gegenĂŒber Fremdem) fĂŒhren. Ethnozentrismus und Xenophobie kommen oft ins Spiel im Zusammenhang mit politischen Debatten zur Migration.
Ethnische Gruppe gemeinsamer Abstammung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Kulturwissenschaftler Harald Haarmann sind ethnische Gruppen gemeinsamer Abstammung âdiffuse Konglomerationen, aus denen Völker mit einer gemeinsamen kulturellen, sozialen und sprachlichen Infrastruktur hervorgehen könnenâ. Der âVolksbegriffâ wird bei Haarmann primĂ€r in kultureller und sprachlicher Hinsicht verstanden. Nach Haarmann gebe es aufschlussreiche Ăbereinstimmungen zwischen genetischer Verwandtschaft einerseits und kultureller, insbesondere sprachlicher, Verwandtschaft andererseits, die beispielsweise RĂŒckschlĂŒsse auf die Migrationsgeschichte von Völkern erlaube.[27]
Ethnische Gliederung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die kleinste denkbare Menschengruppe aus ethnischer Sicht ist die Lokalgruppe: Das sind sogenannte âFace-to-Face Communitiesâ wie Wildbeuter-Horden, Nomadenlager oder Dorfgemeinschaften.[28] FĂŒr sie gelten alle eingangs genannten Kriterien der EthnizitĂ€t: gemeinsame Eigenbezeichnung, Sprache, Abstammung, Wirtschaftsweise, Geschichte, Kultur, Religion und die Verbindung zu einem bestimmten Territorium.
- Beispiel: Die einzelnen Familiengruppen der !Kung-San
Aus mehreren Lokalgruppen setzt sich eine Ethnie zusammen. Bei groĂen, deutlich differenzierten Ethnien, die trotz ihres gemeinsamen SelbstverstĂ€ndnisses regional unterschiedliche Lebensweisen, Werte und Normen entwickelt haben, werden nochmals Untergruppen genannt,[29] die auch als Subethnien bezeichnet werden.
- Beispiel: Die Samen Lapplands werden unterteilt in die KĂŒstensamen (Meeresfischer), Bergsamen (RentierhĂŒter) und Waldsamen (frĂŒher JĂ€ger).
Das Gleiche gilt in die âandere Richtungâ: Verstehen sich mehrere Ethnien nach ihrer willentlichen Entscheidung als historisch zusammengehörig, verwenden manche Autoren die Bezeichnung Volk als Ăberbegriff.[6] Selten wird dafĂŒr auch die Bezeichnung Superethnie benutzt.
- Beispiel: Die drei Ethnien Lakota, Nakota und Dakota bilden zusammen das Volk der Sioux (Sioux-Nation).
Benachbarte Ethnien oder Völker mit bestimmten gemeinsamen Merkmalen werden ungeachtet ihrer tatsÀchlichen Beziehungen untereinander bisweilen zu abstrakten Völkergruppen zusammengefasst (nicht zu verwechseln mit dem Begriff Volksgruppe).
- Beispiele: Papua nennt man die kraushaarigen Einwohner Neuguineas, die sehr viele vollkommen unterschiedliche Ethnien bilden; Germanen nennt man die historischen Völker mit germanischen Sprachen; PrÀrie-Indianer werden die nordamerikanischen Reiterkulturen genannt, deren Subsistenzbasis der Bison war.
Diese Einteilung hat nur noch einen klassifizierenden Wert als Sammelbezeichnung und in den seltensten FĂ€llen eine Entsprechung bei den so bezeichneten Menschen.
- Beispiel: Die âEskimo-Völkergruppeâ zeichnet sich durch eine weitgehend einheitliche Kultur aus und dies spiegelt sich ausnahmsweise auch im SelbstverstĂ€ndnis dieser Menschen wider, die sich gemeinsam von den Indianern abgrenzen.
Kombiniert die Einteilung auf globaler Ebene kulturelle und geographische Gemeinsamkeiten sind noch die ethnologischen Kulturareale zu nennen.
- Beispiel: âEurasische Steppeâ â Khanate, StĂ€ndeordnung, Stammeskonföderationen, vorwiegend Viehwirtschaft; âAmazonienâ â halbsesshafter Gartenbau, Wanderfeldbau, Jagd und Fischfang; âHorn von Afrikaâ â Clansysteme in Staaten, Agropastoralismus.
Es bleibt anzumerken, dass es in den Wissenschaften nur selten einheitliche Zuordnungen gibt: Einige Autoren sprechen von Untergruppen, anderen von Ethnien; einige verwenden den Terminus Volk, andere grundsÀtzlich nicht und so weiter.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Georg Elwert: Ethnie. In: Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang MĂŒller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 99 f.
Ausstellungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Museum FĂŒnf Kontinente, MĂŒnchen, 5. Juli 2018 bis 30. Juni 2019: Fragende Blicke. Neun ZugĂ€nge zu ethnografischen Fotografien.[30]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und ĂŒber Ethnie im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Lexikon der Geographie: Ethnie. In: Spektrum.de. 2001.
- Gabriele Rasuly-Paleczek: Ethnische Gruppe / EthnizitĂ€t. (PDF; 227 kB; 39 Seiten) In: EinfĂŒhrung in die Formen der sozialen Organisation (Teil 5/5). Institut fĂŒr Kultur- und Sozialanthropologie, UniversitĂ€t Wien, 2011, S. 218â225, archiviert vom (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 4. Oktober 2013 (Unterlagen zu ihrer Vorlesung im Sommersemester 2011).
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Duden: Ethnie. Abgerufen am 27. Oktober 2019.
- â Charlotte Seymour-Smith: Dictionary of Anthropology. Hall, Boston 1986, ISBN 0-8161-8817-3, S. 95â96: âEthnic group: any group of people who set themselves apart and are set apart from other groups with whom they interact or coexist in terms of distinctive criterion or criteria which may be linguistic, racial or cultural. [âŠ] ethnicity may be objective or subjective, implicit or explicit, manifest or latent, acceptable or unacceptable to a given grouping or category of people. Paradox and ambiguity often characterize ethnic designations, tying such designations to ideas about culture, society, class, race, or nation.â
- â Georg Elwert: Ethnie. In: Christian F. Feest, Hans Fischer, Thomas Schweizer (Hrsg.): Lexikon der Völkerkunde. Reimer, Stuttgart 1999, S. 99â100.
- â Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang MĂŒller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 99â100.
- â Der Ethnographic Atlas enthĂ€lt im Jahr 2012 DatensĂ€tze zu genau 1300 Ethnien (InterSciWiki), von denen oft nur Stichproben ausgewertet wurden, beispielsweise im internationalen HRAF-Projekt.
- â a b Wolfgang Fikentscher, Manuel Pflug, Luisa Schwermer (Hrsg.): Akkulturation, Integration, Migration. Utz, MĂŒnchen 2012, ISBN 978-3-8316-4137-6, S. 268.
- â Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang MĂŒller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 99, 400.
- â Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Auflage, Mohr Siebeck, TĂŒbingen 1980, S. 236 (online auf Zeno.org, Zugriff am 9. Mai 2021).
- â Martin Sökefeld: Problematische Begriffe: »EthnizitĂ€t«, »Rasse«, »Kultur«, »Minderheit«. In: Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): EthnizitĂ€t und Migration. EinfĂŒhrung in Wissenschaft und Arbeitsfelder. Reimer Kulturwissenschaften. Reimer, Berlin 2007, ISBN 978-3-496-02797-3, S. 31â50 (doi:10.5282/ubm/epub.29311; PDF; 1,1 MB, 11 Doppelseiten auf epub.ub.uni-muenchen.de).
- â Vgl. etwa fĂŒr asiatische Ethnien: The HUGO Pan-Asian SNP Consortium (ed.): Mapping Human Genetic Diversity in Asia. Science 326 (5959), S. 1541â1545. doi:10.1126/science.1177074: âThe primary clusters we identified from both the full data set and sub-datasets show little variation among individuals of the same population, and correspond overwhelmingly to language families or ethnic groups.â
- â Martin Sökefeld: Problematische Begriffe: âEthnizitĂ€tâ, âRasseâ, âKulturâ, âMinderheitâ. In: Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): EthnizitĂ€t und Migration: EinfĂŒhrung in Wissenschaft und Arbeitsfelder. Reimer Verlag, Berlin 2007, S. 31â50, hier S. 33 (online, Zugriff am 11. Dezember 2020).
- â Georg Elwert: Ethnie. In: Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang MĂŒller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 99.
- â uni-giessen.de
- â Matthias Rompel: EthnizitĂ€t und interethnische Beziehungen. In: Herbert Willems (Hrsg.): Lehr(er)buch Soziologie. FĂŒr die pĂ€dagogischen und soziologischen StudiengĂ€nge, Band 2. VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, S. 655â664, hier S. 657.
- â Samuel Salzborn: EthnizitĂ€t und ethnische IdentitĂ€t. Ein ideologiekritischer Versuch. In: Zeitschrift fĂŒr kritische Theorie 22â23 (2006), S. 99â119, das Zitat S. 104.
- â Martin Sökefeld: Problematische Begriffe: âEthnizitĂ€tâ, âRasseâ, âKulturâ, âMinderheitâ. In: Brigitta Schmidt-Lauber (Hrsg.): EthnizitĂ€t und Migration: EinfĂŒhrung in Wissenschaft und Arbeitsfelder. Reimer Verlag, Berlin 2007, S. 31â50, die Zitate S. 48 (online, Zugriff am 11. Dezember 2020).
- â John L. Comaroff, Jean Comaroff: EthnizitĂ€t. In: Andre Gingrich, Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll (Hrsg.): Lexikon der Globalisierung. Transcript, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-8376-1822-8, S. 68 (doi:10.1515/transcript.9783839418222).
- â Friedrich Heckmann: Ethnische Minderheiten, Volk und Nation: Soziologie inter-ethnischer Beziehungen. Friedrich Enke, Stuttgart 1992, ISBN 3-432-99971-2, S. 30â59.
- â Vgl. beispielsweise Friedrich Heckmann: Ethnische Minderheiten, Volk und Nation: Soziologie inter-ethnischer Beziehungen. Friedrich Enke, Stuttgart 1992, S. 49.
- â Emerich K. Francis: Ethnos und Demos. Soziologische BeitrĂ€ge zur Volkstheorie. Duncker & Humblot, Berlin 1965.
- â S. Zalman Abramov: Perpetual dilemma. Jewish religion in the Jewish State. Associated University Press, Cranbury (New Jersey) 1976, Kap. 9: âWho is a Jewâ, S. 271.
- â Lawrence H. Schiffman: Who was a Jew? â Rabbinic and Halakhic perspectives on the Jewish-Christian Schism. Ktav Publishing House, 1985, Vorwort, S. IX.
- â Vgl. z. B. Ephraim Tabory: The Israel Reform and Conservative Movements and the Market for Liberal Judaism. In: Uzi Rebhun, Chaim Isaac Waxman (Hrsg.): Jews in Israel. Contemporary Social and Cultural Pattern. 2. Auflage, Brandeis/University Press of New England, Lebanon, NH, 2004, S. 285â314, hier S. 296 ff.
- â Erste Verordnung zum ReichsbĂŒrgergesetz vom 14. November 1935, abgedruckt bei fasena.de, abgerufen am 27. Oktober 2019.
- â Denis Gruber: Zuhause in Estland? Eine Untersuchung zur sozialen Integration ethnischer Russen an der AuĂengrenze der EuropĂ€ischen Union. Lit Verlag, MĂŒnster 2008, ISBN 978-3-8258-1396-3, S. 27.
- â Arbeitsgericht Stuttgart: EntschĂ€digungsklage im sog. âOssi-Fallâ abgewiesen. Landesarbeitsgericht Baden-WĂŒrttemberg, 15. April 2010, archiviert vom (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 20. Juli 2013; abgerufen am 27. Oktober 2019.
- â Harald Haarmann: Lexikon der untergegangenen Völker: von Akkader bis Zimbern. C.H. Beck, MĂŒnchen 2012, S. 10.
- â Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang MĂŒller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 236â237.
- â Bettina Beer: Kultur und EthnizitĂ€t. In: Bettina Beer, Hans Fischer (Hrsg.): Ethnologie. Eine EinfĂŒhrung. 7., ĂŒberarbeitete und erweiterte Auflage, Dietrich Reimer, Berlin 2012, S. 68.
- â Homepage: Fragende Blicke. Museum FĂŒnf Kontinente, archiviert vom (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 10. November 2019; abgerufen am 21. Februar 2019.
