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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Soziale Bewegung (BegriffsklĂ€rung) aufgefĂŒhrt.

Unter einer sozialen Bewegung, auch kurz Bewegung, wird in den Sozialwissenschaften ein kollektiver Akteur oder ein soziales System verstanden, der bzw. das unterschiedliche Organisationsformen umfasst und mit unterschiedlichen Mobilisierungs- und Handlungsstrategien versucht, gesellschaftlichen Wandel zu beschleunigen, zu verhindern oder umzukehren.

Allgemein

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Soziale Bewegungen können anhand ihres Organisationsgrades, ihrer GrĂ¶ĂŸe, der von ihnen gewĂ€hlten Strategien und Ă€hnlicher Kriterien unterschieden werden. Die Bewegungen durchlaufen idealtypisch mehrere Phasen: erste Auseinandersetzungen mit dem Problem, Thematisierung (meistens vor allem Ablehnung des Bestehenden), Formierung von Initiativen, Gruppen und VerbĂ€nden, wobei es zu Kooperationen, Allianzen, aber auch Gegnerschaft kommt, eine Vielfalt von demonstrativen Akten, oftmals symbolischen, aber auch konkreten direkten Aktionen; mitunter treten mehr oder weniger charismatische AnfĂŒhrer auf, Alternativen zum Bestehenden werden entwickelt, die Etablierung im Alltag angestrebt. Schließlich folgt eine langsame Auflösung der sozialen Bewegung, entweder, weil das Problem zufriedenstellend gelöst ist, weil es zumindest gesellschaftlich allgemein als wichtiges Problem anerkannt ist, oder weil andere Problemdeutungen dominant wurden.

Typisch an einer sozialen Bewegung ist, dass zunĂ€chst sehr offene informelle Organisationsformen vorherrschen. Im Allgemeinen beginnen bald nach dem Entstehen einer Bewegung die Menschen damit, Strukturen zu schaffen (Vereine, Initiativen, u. Ă„.). Im weiteren Verlauf geschieht es oft, dass die Bewegung an Bedeutung verliert oder als nicht mehr relevant wahrgenommen wird, wĂ€hrend Strukturen und Formen, die sich daraus entwickelt haben, weiter existieren und wirken. Oftmals wird dies als Tod einer Bewegung und Aufgabe der ursprĂŒnglichen Ziele verstanden. In diesem Zusammenhang wird an einigen Stellen auf die Notwendigkeit von Visionen und TrĂ€umen einer sozialen Bewegung als deren Beweggrund und antreibende Kraft hingewiesen.[1]

Die Etablierung neuer Strukturen und der Wandel alter differenziert eine soziale Bewegung: Radikalere werfen GemĂ€ĂŸigteren Karrierismus oder gar Verrat vor, GegenvorwĂŒrfe sind Utopismus oder gar diktatorischer Ehrgeiz. Dabei tritt zurĂŒck, dass ein Wandel der etablierten Strukturen das einigende Ziel war. Allerdings gehen beim Eintritt in die Realpolitik oft große Anteile der ursprĂŒnglichen Zielvorstellungen verloren, Kompromisse werden eingegangen und die PluralitĂ€t, die Bewegungen in ihren aktivsten Phasen kennzeichnet, lĂ€sst sich institutionell nicht oder nur schlecht beibehalten.

ErwĂ€hnenswert ist hier der in den USA von Bill Moyer (1933–2002) entwickelte Aktionsplan (Movement Action Plan, MAP), der mit politischen Zielen einen idealtypischen Verlauf von sozialen Bewegungen entwirft.[2] Im Übrigen liegen fĂŒr die Entstehung und den Verlauf von Revolutionen (siehe dort) mindestens seit Crane Brinton (The anatomy of revolution, 1938, zweite Auflage 1965) mehrere einschlĂ€gige analytische Typisierungsversuche vor.

Historische und aktuelle Beispiele

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Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren in Deutschland politische Parteien und Organisationen wie z. B. Gewerkschaften, VerbĂ€nde (v. a. Kriegsheimkehrer, Vertriebene) die zentralen Protestakteure. Bei den sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen liegt seit den 1980er Jahren (ausgehend von Europa) der Schwerpunkt auf der IdentitĂ€tsproblematik. Mit der IdentitĂ€tsproblematik treten expressive Aspekte von Protest in den Vordergrund. Der Begriff Neue Soziale Bewegungen markiert also eine Verschiebung von sozialen und politischen zu identitĂ€tspolitischen Protestmotiven, also auch zu Bewegungen, die ihre politischen Ziele mit Lebensstilen und Werten verbinden. Proteste sind hier an kollektive IdentitĂ€tsmuster gekoppelt, die auf eine Verteidigung bzw. Verbesserung individueller Lebensformen abzielen. Umstritten ist unter Protestforschern, ob nur Basisbewegungen mit emanzipatorischen und sozialen Forderungen als Soziale Bewegung gelten oder ob auch Bewegungen mit autoritĂ€ren Zielen wie etwa der Faschismus als soziale Bewegung bezeichnet werden sollen.

Im 19. und 20. Jahrhundert wÀren beispielsweise zu nennen:

  • die Sklavenbefreiungsbewegung in den USA, Lateinamerika und Großbritannien,
  • die Genossenschaftsbewegung,
  • die Arbeiterbewegung,
  • die Jugendbewegung,
  • die BĂŒrgerrechtsbewegung
  • die Frauenbewegung
  • die LGBT-Bewegung.

Weitere (neue) soziale Bewegungen sind zum Beispiel:

  • die 68er-Bewegung
  • die Umweltbewegung
  • die Anti-Atomkraft-Bewegung
  • der Effektive Altruismus
  • die Friedensbewegung
  • die Graswurzelbewegung
  • die Hausbesetzerbewegung
  • die internationalistische Bewegung (Dritte/Eine Welt, Fair Trade Antiimperialismus/Antikolonialismus)
  • die Frauenbewegung (die sog. die zweite Welle des Feminismus seit den 1960er Jahren)
  • die Rastafari-Bewegung
  • die Behindertenbewegung
  • die Menschenrechtsbewegung, siehe Internationale Liga fĂŒr Menschenrechte (Berlin)
  • die Tierrechtsbewegung
  • die Antiglobalisierungsbewegung
  • die wachstumskritische Bewegung
  • die stĂ€dtische soziale Bewegung
  • die Landlosen-Bewegung in Brasilien
  • die Indigenenbewegungen in Ecuador, Chile und Bolivien
  • die Anti-Überwachungs-Bewegung
  • Occupy Wall Street
  • Podemos („Wir können“) in Spanien
  • #MeToo
  • Fridays for Future

Neuartig sind in den IndustrielĂ€ndern (z. B. EuropĂ€ische Union, Israel, USA) politische SeniorenaktivitĂ€ten seit den 1990er-Jahren mit der Zielsetzung Einkommen und Gesundheitsversorgung im bedeutender werdenden Lebensabschnitt Alter zu sichern.

In der Historischen Jesusforschung entstanden seit den 1970er Jahren zahlreiche sozialgeschichtliche Untersuchungen zur Jesusbewegung. Allgemein in der Religionssoziologie findet das auf Max Weber zurĂŒckgehende Paradigma der charismatischen Bewegung bzw. Herrschaft breite Zustimmung. Weber selbst verfasste Studien zu einzelnen Bewegungen der Geschichte und seiner Gegenwart.[3]

Theoretische AnsÀtze der Bewegungsforschung

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Structural-Strains-Ansatz

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Der Structural-Strains-Ansatz sieht die sozialstrukturellen Merkmale von sozialen Bewegungen als zentrales Element dieser Bewegungen an. Die Gesellschaftsstruktur ist hierbei in zweierlei Hinsicht entscheidend. Zum einen behandelt dieser Ansatz die Frage, inwiefern beispielsweise sozialer Wandel, ModernisierungsschĂŒbe oder gesellschaftsstrukturelle Spannungen den Ausgangspunkt fĂŒr die Entstehung von Protest bzw. sozialen Bewegungen darstellen. Zum anderen ist die spezifische sozialstrukturelle Zusammensetzung von sozialen Bewegungen ein Anhaltspunkt fĂŒr Analysen. In diesem Falle stellt die Sozialstruktur nicht den Anlass, sondern die Möglichkeit der Mobilisierung fĂŒr soziale Bewegungen dar. Hierbei spielen vor allem bereits bestehende Netzwerke eine Rolle, die fĂŒr die jeweilige soziale Bewegung aktiviert werden können. Hierdurch haben die zugrundeliegenden Netzwerke auch immer einen Einfluss auf die Möglichkeiten der Ausbildung kollektiver IdentitĂ€ten.[4] Soziale Bewegungen weisen daher eine gewisse „Milieuverhaftung“[5] auf.

Hellmann ordnet das Konzept der „structural strains“ einer marxistischen Denkschule zu, da die ErklĂ€rungskraft des Ansatzes auf der Gesellschaftsstruktur und den spezifischen gesellschaftlichen Konstellationen beruht, die fĂŒr die Mobilisierung von sozialen Bewegungen entscheidend sind. Zudem ist sozialstrukturelle Perspektive hinsichtlich des Mobilisierungspotentials von sozialen Bewegungen eng mit dem „new social movements approach“ verbunden. Diese Perspektive, die vor allem bestehende Netzwerke in den Blick nimmt, schlĂ€gt zudem eine BrĂŒcke zu dem Konzept der kollektiven IdentitĂ€t.[4]

Kritisiert wird am Structural-Strains-Ansatz, dass das VerhĂ€ltnis zwischen den sozialstrukturellen Gegebenheiten und dem Mobilisierungspotential sozialer Bewegungen unklar bleibt. Zudem liefert der Ansatz Mittag und Stadtland zufolge keine konkreten Analysemöglichkeiten, um die makrotheoretischen Annahmen auf eine mikrotheoretische Ebene zu ĂŒbertragen. Zudem ist zu berĂŒcksichtigen, dass nicht in allen Teilen der Welt die typischen Milieus, aus denen sich soziale Bewegungen rekrutieren, die gleichen sind.[5]

Political-Opportunity-Ansatz

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Der Political-Opportunity-Structure-Ansatz (POS) basiert auf der Annahme, dass sich Protestbewegungen durch UmwelteinflĂŒsse (insb. politische Rahmenbedingungen) entwickeln. Hierbei rĂŒcken nicht interne (Collective Identity), sondern externe Möglichkeitsbedingungen in den Blick der Untersuchung. Ein Protest muss dabei nicht zwangsweise – wie fĂ€lschlicherweise angenommen werden kann – politisch sein. Von entscheidender Relevanz ist, dass politische Forderungen gestellt werden, die sich auf Strukturen und Ereignissen im politischen System beziehen, da nur so eine VerĂ€nderung der Gesellschaftsstrukturen erreicht werden kann. Insbesondere die Perspektive des internationalen Vergleichs kann dabei gĂŒnstige Möglichkeiten fĂŒr Protest und Mobilisierung schaffen. Konzeptionell lĂ€sst sich der POS-Ansatz in mehreren Varianten fassen, die jeweils mit eigenen Kategoriendefinitionen und Unterscheidungen operieren.[6]

Der POS-Ansatz weist eine gewisse NĂ€he zum Structural-Strains-Ansatz auf, da beide AnsĂ€tzen von externen Faktoren ausgehen, die zum Entstehen von sozialen Bewegungen beitragen. Der Ansatz kann zudem beliebig mit anderen Theorien mittlerer Reichweite kombiniert werden, um ein breiteres Spektrum an ErklĂ€rungen fĂŒr soziale Bewegungen (und andere spezifische GegenstĂ€nde) zu finden.

Kritisiert werden kann an diesem Ansatz sein gleichzeitiger Ansatzpunkt: der Fokus auf politische Gelegenheitsstrukturen. FĂŒr das Entstehen einer sozialen Bewegung ist das Vorhandensein mehrere Faktoren ausschlaggebend, nicht nur etwa ein politisches Ereignis oder bspw. die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. ZusĂ€tzlich ist auf einen möglichen theorieimmanenten Bias zu verweisen, durch das die politischen Gelegenheitsstrukturen (zu schnell) als Ausgangspunkt einer sozialen Bewegung interpretiert werden. Ferner wird eine fehlende Verbindung zu sozial-strukturellen Entwicklungen und (politischer) kleinrĂ€umiger Interaktion sowie Mikropolitik kritisiert.[7]

Collective-Identity-Ansatz

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Der Collective-Identity-Ansatz (CI) betrachtet die kollektive IdentitĂ€t als zentrales Kriterium fĂŒr soziale Bewegungen. Sie ist wichtigste Mobilisierungsressource der Bewegung und ebenfalls zentral fĂŒr ihre HandlungsfĂ€higkeit und Selbststeuerung. Der Ansatz grenzt sich damit von anderen Theorien sozialer Bewegungen ab, die Organisation als Kern der Bewegung und als am bedeutendsten erachten. Die soziale Bewegung wird als eine dreidimensionale Einheit auf sachlicher, sozialer und zeitlicher Ebene verstanden, die einen kollektiven, handlungsfĂ€higen Akteur konstituiert. Dem Ansatz nach arbeitet eine Bewegung mit der grundlegenden Differenz von „Wir“ und „Die“. Sie grenzt sich so von ihrer Umwelt ab. Konstruiert wird die kollektive IdentitĂ€t, der „Wir-Die“-Unterscheidung, einerseits diskursiv (gemeinsame Schicksale, Geschichte, Legenden, Sprache ec.) und andererseits durch Praktiken (gemeinsame Rituale, Symbole, Moden ec.). Der Collective-Identity-Ansatz untersucht Bewegungen primĂ€r aus der Innenperspektive heraus. Damit stellt er eine ErgĂ€nzung zum Framing-Ansatz dar, der hauptsĂ€chlich das UmweltverhĂ€ltnis der sozialen Bewegung untersucht.

Beide AnsĂ€tze, CI und Framing, wurzeln im Sozialkonstruktivismus. Angeregt wurde der Ansatz durch die Collective-Behaviour-Forschung (Collective behavior) und weist daher auf der einen Seite BezĂŒge zur Massenpsychologie und auf der anderen Seite, in sozialstruktureller Hinsicht, BezĂŒge zum Marxismus auf. In der kollektiven schöpferischen Auseinandersetzung konstruiert sich die soziale Bewegung selbst als „Klasse fĂŒr sich“.

Schwachpunkte des Collective-Identity-Ansatzes sind Generalisierungstendenzen, das Übersehen von AußenbezĂŒgen (wodurch sich eine Kombination mit dem Framing-Ansatz anbietet) und die zu große NĂ€he zur Bewegung selbst, da sich der Bezug auf das Innenleben abhĂ€ngig macht von der ErzĂ€hlung der Bewegung ĂŒber sich selbst. Somit bedarf der CI-Ansatz der Kombination mit anderen AnsĂ€tzen, um zu aussagekrĂ€ftigeren Forschungsergebnissen zu kommen.[8]

Framing-Ansatz

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Der Kerngedanke des Framing-Ansatzes ist, dass soziale Probleme nicht objektive Gegebenheiten widerspiegeln, sondern dass soziale Probleme erst als solche definiert werden mĂŒssen. Dies gelingt, indem das Problem in einen bestimmten Bedeutungsrahmen bzw. in einen Sinnzusammenhang eingebettet wird, der eine spezifische Interpretation des Problems ermöglicht. FĂŒr soziale Bewegungen bedeutet dies, dass Protestthemen erst als soziale Probleme konstruiert werden mĂŒssen und in einen Deutungsrahmen eingebettet werden mĂŒssen, damit sie zum einen in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen (insbes. Politik und Massenmedien) soziale Resonanz erzeugen können und zum anderen die Bewegung selbst mobilisieren. Da die Konstruktion eines Bedeutungsrahmens immer ein selektiver Prozess ist, geht es dann auch darum, dass die soziale Bewegung in der „öffentlichen Arena“ gegenĂŒber anderen Akteuren eine Deutungshoheit bei der Konstruktion eines Bedeutungsrahmens gewinnen muss. DarĂŒber hinaus versucht der Framing-Ansatz auch hĂ€ufig aufzuzeigen, welche „sozialen Mechanismen“ (z. B. die Nachrichtenwerte der Massenmedien) bedient werden mĂŒssen, damit einem Protestthema die nötige Aufmerksamkeit gewidmet wird. Dabei enthĂ€lt jeder Frame folgende drei Spezialframes:[9]

  • diagnostic frame: Anbieten einer Problemkonstruktion
  • prognostic frame: Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten
  • motivational frame: Motivation zu Engagement und Mobilisierungsbereitschaft

Der Framing-Ansatz in der Bewegungsforschung bezieht sich am ehesten auf Inhalte des symbolischen Interaktionismus. So betont der symbolische Interaktionismus, dass in der Interaktion Frames ausgehandelt werden mĂŒssen, die dabei helfen, soziale PhĂ€nomene zu interpretieren.[10] Es geht sowohl dem Framing-Ansatz in der Bewegungsforschung als auch dem symbolischen Interaktionismus also darum, dass Frames konstruiert und durchgesetzt werden mĂŒssen, um soziale Gegebenheiten interpretieren zu können. Da soziale Bewegungen fĂŒr die Etablierung ihres Frames Resonanz bei den Massenmedien auslösen mĂŒssen, kann die Erzeugung öffentlicher Aufmerksamkeit auch als eine Ressource im Sinne des Resource Mobilization-Ansatzes interpretiert werden.[11]

Am Framing-Ansatz wird kritisiert, dass er sich bisher sehr stark auf Deutungs- und Überzeugungsanstrengungen von Bewegungen konzentriert hat und dabei die historische Konstruktionsphase des Frames vernachlĂ€ssigt wurde.[12] Den Konstruktionsprozessen von Frames und den dahinterstehenden Akteuren und Interessen wurde demnach bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Weiterhin ist kritisch anzumerken, dass der Framing-Ansatz – wie viele andere Theorien der Bewegungsforschung auch – nur einen Teilaspekt behandelt, der fĂŒr die Erforschung sozialer Bewegungen relevant ist. Es fehlt diesem Forschungsfeld insgesamt eine integrierende Theorie, die in der Lage ist, soziale Bewegungen in ihrer GĂ€nze zu beschreiben.

Ressourcenmobilisierungsansatz

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Der Fokus des Ressourcenmobilisierungsansatzes (RMA) liegt auf den strukturellen Rahmenbedingungen und der RationalitĂ€t von Protestbewegungen (Makroebene). Es wird die These vertreten, dass im Kern von sozialen Bewegungen sogenannte Bewegungsorganisationen rational als deren „Kopf“ agieren. Diese sind abhĂ€ngig von verfĂŒgbaren personellen, immateriellen und ideellen Ressourcen, die zur kollektiven Mobilisierung akquiriert werden mĂŒssen. Daran lĂ€sst sich auch der Erfolg von sozialen Bewegungen messen. Bewegungsorganisationen können deshalb als Katalysator zur kollektiven Mobilisierung von Protesten verstanden werden.[5][4]

Der RMA folgt den Grundgedanken der Rational Choice Theorie, nach der jeder Akteur rational handelt, das heißt mit möglichst geringem Aufwand/Kosten möglichst hohen Nutzen erzielen möchte.[13]

Kritisch anmerken lÀsst sich bei dieser Theorie die VernachlÀssigung von Beziehungen zwischen sozialen Bewegungen und ihren Umwelten, da primÀr Entscheidungen und Handlungen innerhalb von Bewegungen in den Blick genommen werden. Zudem hebt der RMA den instrumentellen Charakter von Bewegungen hervor und blendet Individualbiografien sowie individuelle Komponenten generell aus. Schwierigkeiten bereitet aufgrund von fehlender BegriffsschÀrfe auch die Deutung von Ressourcen.[5][4]

Systemtheoretischer Ansatz

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In der Systemtheorie definieren Systeme sich ĂŒber eine Innen-/Außendifferenz. Außerhalb der Systemgrenze liegt dessen Umwelt. Strukturen und Prozesse innerhalb des Systems beziehen sich auf die besagte Umwelt, um jene ĂŒberhaupt erst zu ermöglichen. „Das System ist seine Beziehung zur Umwelt, das System ist die Differenz zwischen System und Umwelt“ (Luhmann 2009). Es zeichnet sich dadurch aus, dass „Einheiten (Substanzen) durch Beziehungen als Teile zu einem Ganzen verbunden sind“ (Luhmann 1976). Darin impliziert, also in der Grenzziehung vom System zu seiner Umwelt, ist eine innere Ordnung, die fĂŒr den Erhalt dieser Grenzen sorgen muss. Durch diese innere Ordnung, die sich in HandlungszusammenhĂ€ngen innerhalb des Systems ausdrĂŒckt, werden Sinnbeziehungen erzeugt, die das System davor schĂŒtzen sollen durch die VerĂ€nderungen seiner Umwelt in seiner Existenz beeinflusst zu werden. Ebenso werden Systeme als autopoietisch beschrieben. Grob zusammengefasst, ist ein autopoietisches System eines, welches sich selbst erzeugt und selbst beobachtet. Das System ist demnach sein eigenes Produkt, verfĂŒgt jedoch nicht ĂŒber „alle Ursachen, die zur Selbstproduktion erforderlich sind“ (Luhmann 2006).

Systemtheoretische AnsĂ€tze der Bewegungsforschung gehen zunĂ€chst von einer Funktion sozialer Bewegungen aus. Diese Funktion besteht in der Möglichkeit einer öffentlichen Artikulation von Widerspruch (Bergmann 1987), welche im Zuge einer zunehmenden Ebenendifferenzierung von Interaktion und Gesellschaft nicht mehr durch einzelne Interaktionssysteme geleistet werden kann (Luhmann 2014). Soziale Bewegungen wirken auf diese Weise wie ein Immunsystem der Gesellschaft (Mittag und Stadtland 2014; Bergmann 1987), das Schutzmechanismen gegen bestimmte Folgen der funktionalen Differenzierung aufbaut oder funktionale Differenzierung gegen Übergriffe einzelner Funktionsbereiche schĂŒtzt (Tratschin 2016: 258). Im Gegensatz zu AnsĂ€tzen, wie dem Structural-Strains-Ansatz oder dem Political-Opportunity-Structures-Ansatz (vgl. Hellmann und Koopmans 1998), wird die Entstehung von Bewegungen in der Systemtheorie nicht primĂ€r als Ergebnis externer Faktoren angesehen, sondern es wird davon ausgegangen, dass „Bewegungen in einem sich selbst selektiv entfaltenden Konfliktprozess entstehen“ (Mittag und Stadtland 2014). FĂŒr die Mechanismen der Ausdifferenzierung sozialer Bewegungen gibt es in der Systemtheorie verschiedene VorschlĂ€ge. Prominente VorschlĂ€ge zielen auf die selektionsverstĂ€rkenden Effekte von Elementaroperationen: WĂ€hrend Luhmann hauptsĂ€chlich auf Proteste als Elementaroperationen fokussiert (1996)[14], rĂŒckt Japp besonders Angstkommunikation als Elementaroperationen sozialer Bewegungen hervor (1986)[15]. Dagegen prĂ€sentiert Ahlemeyer (1989)[16] einen Vorschlag, der auf die ausdifferenzierenden Effekte von Mobilisierungskommunikation abzielt, und Bergmann verweist auf die Bedeutung von Moralkommunikation (Bergmann 1987: 374). Ein jĂŒngerer Beitrag weist dagegen auf die Relevanz von Selbstbeschreibungen fĂŒr die selbstreferentielle Ausdifferenzierung sozialer Bewegungen hin (Tratschin 2016).[17]

Kritisiert wird am systemtheoretischen Ansatz, dass eine EngfĂŒhrung auf Protestbewegungen stattfindet, wodurch soziale Bewegungen, die sich nicht als Konfliktsystem erzeugen aus dem Blick geraten. Erinnert sei zum Beispiel an religiöse Bewegungen (vgl. KĂŒhl 2014). Ein zweiter Kritikpunkt ist ihr Fokus auf neue soziale Bewegungen, der bislang keine Möglichkeit fĂŒr eine historische Perspektive auf frĂŒhere soziale Bewegungen zulĂ€sst (vgl. Mittag und Stadtland 2014).

Forschung

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Die soziale Bewegungsforschung untersucht:

  • politische Prozesse und ihre Akteure
  • soziale Voraussetzungen
  • organisatorische Verfasstheit sozialer Bewegungen
  • gesellschaftliche Auswirkungen des Handelns politischer Akteure

Siehe auch

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  • Aktivismus

Literatur

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  • Harald F. Bender: Die Zeit der Bewegung – Strukturdynamik und Transformationsprozesse. BeitrĂ€ge zur Theorie sozialer Bewegungen und zur Analyse kollektiven Handelns (= EuropĂ€ische Hochschulschriften, Reihe 22, Soziologie, Band 301). Lang, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-631-30053-0 (Dissertation UniversitĂ€t Heidelberg 1995, 274 Seiten).
  • Steven M. Buechler: Social movements in advanced capitalism. The political economy and cultural construction of social activism. Oxford University Press, New York [u. a.] 2000.
  • Susan Eckstein (Hgn.): Power and Popular Protest. Latin American Social Movements. 2. Auflage. University of California Press, 2001, ISBN 0-520-22705-0.
  • Ulrich Dolata, Jan-Felix Schrape: Zwischen Ermöglichung und Kontrolle. Kollektive Formationen im Web. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen 28(3), S. 17–25 (PDF).
  • Donatella della Porta, Hanspeter Kriesi, Dieter Rucht (Hrsg.): Social Movements in a Globalizing World. Macmillan Press Ltd., London/Hampshire [u. a.] 1999.
  • Robert Foltin: Und wir bewegen uns doch. Soziale Bewegungen in Österreich. Ed. Grundrisse, Wien 2004, ISBN 3-9501925-0-6 (PDF).
  • Jo Freeman, Victoria Johnson (Hrsg.): Waves of Protest. Social Movements Since the Sixties. Rowman & Littlefield Publishers, Lanham u. a. 1999.
  • Rudolf Heberle: Social Movements. An Introduction to Political Sociology. 1951 (zweite Auflage 1970; dt.: Hauptprobleme der Politischen Soziologie, 1967).
  • Janosik Herder: Soziale oder historische Bewegung? Zur Genealogie sozialer Bewegung bei Lorenz von Stein und Karl Marx. In: Berliner Debatte Initial 29. Jg. (2018), H. 3, ISBN 978-3-945878-91-0, S. 119–132.
  • Thomas Kern: Soziale Bewegungen. Ursachen, Wirkungen, Mechanismen. VS Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15426-8.
  • Christiane Leidinger: Zur Theorie politischer Aktionen. Eine EinfĂŒhrung. edition assemblage, MĂŒnster 2015, ISBN 978-3-942885-96-6.
  • JĂŒrgen Mittag, Georg Ismar (Hrsg.): ¿«El pueblo unido»? Soziale Bewegungen und politischer Protest in der Geschichte Lateinamerikas. WestfĂ€lisches Dampfboot, MĂŒnster 2009, ISBN 978-3-89691-762-1.
  • Immanuel Ness (Hrsg.): Encyclopedia of American Social Movements. 2004, ISBN 0-7656-8045-9.
  • Heinz Nigg: Wir sind wenige, aber wir sind alle. Biografien aus der 68er-Generation in der Schweiz. Limmat Verlag, ZĂŒrich 2008, ISBN 978-3-85791-546-8.
  • Heinz Nigg: Wir wollen alles, und zwar subito. Die Achtziger Jugendunruhen in der Schweiz und ihre Folgen. Limmat Verlag, ZĂŒrich 2001, ISBN 3-85791-375-4.
  • Joachim Raschke (Hrsg.): Soziale Bewegungen. Ein historisch-systematischer Grundriss. Campus, Frankfurt am Main / New York, NY 1985, ISBN 3-593-33857-2.
  • Roland Roth, Dieter Rucht (Hrsg.): Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch. Campus, Frankfurt am Main / New York, NY 2008, ISBN 978-3-593-38372-9 (Rezension/Kritik zum Buch auf Analyse & Kritik – akweb.de).
  • Dieter Rucht, Friedhelm Neidhardt: Soziale Bewegungen und kollektive Aktionen. In: Hans Joas (Hrsg.): Lehrbuch der Soziologie. Campus, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-593-36765-3.
  • Charles Tilly: Social Movements, 1768–2004. Pluto Press, 2004, ISBN 1-59451-043-1.
  • Luca Tratschin: Protest und Selbstbeschreibung, SelbstbezĂŒglichkeit und UmweltverhĂ€ltnisse sozialer Bewegungen. transcript, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8394-3691-2.
  • Judith Vey, Johanna Leinius, Ingmar Hagemann (Hrsg.): Handbuch Poststrukturalistische Perspektiven auf soziale Bewegungen. AnsĂ€tze, Methoden und Forschungspraxis. transcript, Bielefeld 2019, ISBN 978-3-8376-4879-9 (PDF; 3,2 MB).

Weblinks

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Commons: Soziale Bewegung â€“ Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Manuela Ziegler: Soziale Bewegung. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  • Heinz Nigg: Rebel Video. Medien als Ausdruck von sozialen Bewegungen > de / en

Einzelnachweise

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  1. ↑ Brigitte Rauschenbach: Gleichheit, Differenz, Freiheit? Bewusstseinswendung im Feminismus nach 1968 (Memento vom 14. Januar 2012 im Internet Archive) (PDF; 244 kB). In: gender politik online, 2008; abgerufen am 27. August 2009.
  2. ↑ Gunnar Grandel: Die öffentliche Meinung fĂŒr sich gewinnen: 8 Phasen einer Bewegung. In: Bureau fĂŒr Selbstorganisierung. 27. Oktober 2019, abgerufen am 26. September 2022. 
  3. ↑ Michael N. Ebertz: Das Charisma des Gekreuzigten: zur Soziologie der Jesusbewegung. Mohr, TĂŒbingen 1987, ISBN 3-16-145116-3, S. 11 f.
  4. 1 2 3 4 K. Hellmann: Paradigmen der Bewegungsforschung. Forschungs- und ErklĂ€rungsansĂ€tze – ein Überblick. In K. Hellmann, R. Koopmann (Hrsg.): Paradigmen der Bewegungsforschung. Entstehung und Entwicklung von Neuen Sozialen Bewegungen und Rechtsextremismus. Westdeutscher Verlag, 1998, S. 9–30.
  5. 1 2 3 4 J. Mittag, H. Stadtland: Theoretische AnsĂ€tze und Konzepte der Forschung ĂŒber soziale Bewegungen in der Geschichtswissenschaft. Klartext, Essen 2014.
  6. ↑ Kai-Uwe Hellmann: Paradigmen der Bewegungsforschung. Forschungs- und ErklĂ€rungsansĂ€tze – ein Überblick. In: Kai-Uwe Hellmann, Ruud Koopmans (Hrsg.): Paradigmen der Bewegungsforschung – Entstehung und Entwicklung von Neuen sozialen Bewegungen und Rechtsextremismus. Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen/Wiesbaden 1998, S. 23ff.
  7. ↑ JĂŒrgen Mittag, Helke Stadtland: Soziale Bewegungsforschung im Spannungsfeld von Theorie und Empirie. In: JĂŒrgen Mittag, Helke Stadtland (Hrsg.): Theoretische AnsĂ€tze und Konzepte der Forschung ĂŒber soziale Bewegungen in der Geschichtswissenschaft. Klartext, Essen 2014, S. 34f.
  8. ↑ siehe ebenfalls Hellmann 1998.
  9. ↑ K. Hellmann: Paradigmen der Bewegungsforschung. Forschungs- und ErklĂ€rungsansĂ€tze – ein Überblick. In: K. Hellmann, R. Koopmann (Hrsg.): Paradigmen der Bewegungsforschung. Entstehung und Entwicklung von Neuen Sozialen Bewegungen und Rechtsextremismus. Opladen [u. a.] 1998, S. 20 f.
  10. ↑ Erving Goffman: Frame Analysis: An Essay on the Organization of Experience. London 1974.
  11. ↑ K. Hellmann: Paradigmen der Bewegungsforschung. Forschungs- und ErklĂ€rungsansĂ€tze – ein Überblick. In: K. Hellmann, R. Koopmann (Hrsg.): Paradigmen der Bewegungsforschung. Entstehung und Entwicklung von Neuen Sozialen Bewegungen und Rechtsextremismus. Opladen [u. a.] 1998, S. 20.
  12. ↑ J. Mittag, H. Stadtland: Theoretische AnsĂ€tze und Konzepte der Forschung ĂŒber soziale Bewegungen in der Geschichtswissenschaft. Essen 2014, S. 40.
  13. ↑ K. Opp: Der „Rational-Choice“-Ansatz und die Soziologie sozialer Bewegungen. In: Forschungsjournal Soziale Bewegung, 2, 1994, S. 11–26.
  14. ↑ Niklas Luhmann: Protest. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996. 
  15. ↑ Klaus P. Japp: Kollektive Akteure als soziale Systeme? In: Hans-JĂŒrgen Unverferth (Hrsg.): System und Selbstproduktion. Zur Erschliessung eines neuen Paradigmas in den Sozialwissenschaften. Peter Lang, Frankfurt am Main 1986. 
  16. ↑ Heinrich W. Ahlemeyer: Was ist eine soziale Bewegung? Zur Distinktion und Einheit eines sozialen PhĂ€nomens. In: Zeitschrift fĂŒr Soziologie. Band 18, Nr. 3, 1989, S. 175–191. 
  17. ↑ Luca Tratschin: Protest und Selbstbeschreibung. SelbstbezĂŒglichkeit und UmweltverhĂ€ltnisse sozialer Bewegungen. transcript, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8394-3691-2. 
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4055707-8 (GND Explorer, lobid, OGND, AKS)
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