


Polyphem (altgriechisch ΠολÏÏÎ·ÎŒÎżÏ PolĂœphÄmos, âder VielgerĂŒhmteâ) ist in der griechischen Mythologie ein Kyklop, ein einĂ€ugiger Riese. Er ist ein Sohn des Poseidon und der Meeresnymphe Thoosa, Tochter des Phorkys.[1]
Polyphem in der Odyssee
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Ă€lteste erhaltene ErwĂ€hnung Polyphems findet sich in der Odyssee Homers. Der Autor beschreibt die Kyklopen nicht explizit als einĂ€ugig,[2] nach anderen Quellen aber besaĂen die Kyklopen nur ein einziges, mitten auf der Stirn befindliches Auge,[3] was Homer vielleicht als bekannt voraussetzt.[4]
In der Odyssee lebt der Riese mit anderen Kyklopen an einer waldbedeckten KĂŒste,[5] jedoch abseits von ihnen in einer Höhle, und ist der Hirte einer Schaf- und Ziegenherde.[6] Odysseus landet bald nach dem Trojanischen Krieg, nach der Station bei den Lotophagen, mit seinen Schiffen auf einer vorgelagerten Insel, der sogenannten Ziegeninsel. Er beschlieĂt am folgenden Tag, die KĂŒste der Kyklopen zu besuchen. Die Suche nach deren Bewohnern fĂŒhrt ihn mit zwölf[7] seiner GefĂ€hrten in Polyphems Höhle, wo sich die Mannschaft an den VorrĂ€ten des noch unbekannten Bewohners gĂŒtlich tut. Als der Kyklop am Abend die Tiere in seine Behausung treibt, diese mit einem mĂ€chtigen Felsbrocken verschlieĂt, dann zunĂ€chst seine Herde versorgt und letztlich die Eindringlinge bemerkt, stellt sich Odysseus als schiffbrĂŒchiger Grieche vor und bittet um Gastrecht â eine unter den Griechen geĂŒbte Sitte, die aufgrund ihrer Vorteilhaftigkeit unter dem besonderen Schutz des Zeus stand. Polyphem jedoch nennt Odysseus einen törichten Narren, verhöhnt auf seine Autonomie und UnabhĂ€ngigkeit verweisend die Götter und verweigert das Gastrecht.[8] Vielmehr greift er sich unversehens zwei der GefĂ€hrten, zerschmettert sie und frisst sie GliedmaĂe fĂŒr GliedmaĂe. GesĂ€ttigt legt sich der Riese schlafen; die Griechen wagen nicht, ihn zu töten, da sie auch gemeinsam nicht imstande wĂ€ren, den Fels vom Höhlenausgang wegzuwĂ€lzen.
Am nĂ€chsten Tag reduziert der Kyklop die Gruppe seiner Gefangenen um weitere zwei Mitglieder. Odysseus kommt dem riesigen Hirten nun von sich aus mit einem Gastgeschenk diplomatisch entgegen und serviert starken Wein: der passe gut zu Menschenfleisch. Als Gegengabe erbittet er nur, mit seinen GefĂ€hrten freigelassen zu werden. Redselig geworden, will Polyphem nun erfahren, welchen Namen Odysseus trage, damit er wisse, an wen er seinerseits ein Gastgeschenk gebe. Nachdem Odysseus dem Riesen dreimal den Wein nachgefĂŒllt hat, nennt er sich in listiger Voraussicht Niemand (Griechisch ÎáœÏÎčÏ)[9] und gibt damit ein RĂ€tsel auf, das zu lösen der Kyklop nicht in der Lage sein wird.[10] Nun eröffnet ihm Polyphem, womit er das Entgegenkommen seinerseits zu erwidern gedenke: Niemand werde er als letzten verspeisen, dies sei sein Gastgeschenk. Damit folgt Polyphem, trotz dem in gewisser Hinsicht absurden Gastgeschenk, ganz den mit dem Gastrecht der Griechen verbundenen BrĂ€uchen.[11]
Nachdem Polyphem in tiefen Schlaf gefallen ist, rammen ihm die gefangenen Griechen einen glĂŒhenden Pfahl in sein Auge, besorgt, den Riesen nicht zu töten. Polyphem schreit in seinem Schmerz die anderen Kyklopen um Hilfe herbei. Auf ihr Fragen nach dem Geschehen antwortet er: âFreunde! Niemand tötet mich mit List und nicht mit Gewalt!â[12] Den Sinn missverstehend, lassen ihn seine Artgenossen allein, denn sie glauben, Polyphem sei infolge einer gottgesandten Krankheit des Geistes verwirrt.
Als der Geblendete seine Tiere am nĂ€chsten Morgen zur Weide hinauslassen muss, ist er noch klug genug, deren RĂŒcken der Reihe nach abzutasten. Odysseus und seinen sechs ĂŒberlebenden GefĂ€hrten gelingt es dennoch, aus der Höhle zu entkommen, weil sie sich seinem Rat gemÀà jeweils unten am Bauch der Schafe festklammern. Gemeinsam wieder auf dem Schiff, verhöhnt Odysseus den blinden Riesen, dem es fast noch gelungen wĂ€re, die Fliehenden mit einer Serie geworfener Felsen zu erschlagen. (SpĂ€tere Quellen setzten ihre ĂŒber der MeeresflĂ€che sichtbaren Reste mit den Zyklopeninseln vor der KĂŒste des Ătna auf Sizilien gleich.) GlĂŒcklich auĂer Wurfweite gelangt, ruft Odysseus dem Riesen noch seinen wahren Namen zu. Da erinnert sich Polyphem, wie ihn einst der Seher Telemos vor dem Verlust seines Auges durch diesen griechischen Helden gewarnt hatte. Der Riese betet daraufhin zu seinem â Odysseus ohnehin feindlich gesinnten â Vater Poseidon um Rache, ihn anflehend, Odysseus nicht wieder in seine Heimat zurĂŒckkehren zu lassen. Poseidon erhört die Bitte. So kommt es zur zehnjĂ€hrigen Irrfahrt des Odysseus, und nur durch das Eingreifen von Pallas Athene und Zeus gelangt der Held schlieĂlich doch wieder heim zu seiner auf Ithaka wartenden Gattin, freilich unter vollstĂ€ndigem Verlust seiner Mannschaft.[13]
Ursprung und Verbreitung des Polyphem-Motivs
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die tragenden Handlungselemente der Geschichte von Odysseus und Polyphem (u. a. âEin Ungeheuer ĂŒberprĂŒft Tiere, die weggehen.â) sind in der Folklore vieler anderer europĂ€ischer Ethnien erkennbar, oft zusammengefasst unter dem Titel âDie Blendung des Ogersâ. Wilhelm Grimm sammelte Versionen in Serbisch, RumĂ€nisch, Estnisch, Finnisch, Russisch und Deutsch.[14][15] DarĂŒber hinaus sind islĂ€ndische, lappische, litauische, baskische, syrische und keltische Varianten bekannt.[15] Als deutsche Version des Polyphem-Motivs wird die ErzĂ€hlung Der RĂ€uber und seine Söhne genannt.[16] In einer alten islĂ€ndischen Variante ziehen sich Kinder, die von einer Riesin gefangen gehalten werden, SchweinshĂ€ute an, um in dieser Tarnung aus ihrer Höhle zu entkommen.[17]
Auf Grund der weiten Verbreitung der zentralen Handlungselemente geht die Finnische Schule von einem gemeinsamen Ursprung der Sage aus. Auf Basis von insgesamt 98 Handlungselementen aus 44 verschiedenen Ăberlieferungen wurde dazu eine phylogenetischen Rekonstruktion durchgefĂŒhrt. Diese aus der Evolutionsbiologie entlehnte Methode wird zur Bestimmung der genetischen Abstammung oder Verwandtschaftsbeziehungen von Mythen benutzt.
Die Ăberlieferung in der Version der Walliser erwies sich dabei als diejenige, die einer prĂ€historischen, europĂ€ischen Ursprungsversion am nĂ€chsten kam.[18]
SpĂ€tere Ăberlieferungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Griechische Dichter und bildende KĂŒnstler folgten in den darauffolgenden Jahrhunderten im Wesentlichen dieser ErzĂ€hlung der Odyssee. Hervorzuheben sind etwa Vertreter der Ă€lteren Komödie wie Epicharmos und Kratinos oder das Satyrspiel Kyklops von Euripides.
Ein neues, burleskes Motiv brachte der von der griechischen Insel Kythera stammende Dichter Philoxenos in einem Dithyrambos hervor, in dem Polyphem als unglĂŒcklicher Freier der Nereide Galateia portrĂ€tiert wird. Polyphem warb geduldig, aber ungeschlacht um die Nymphe, die ihn verschmĂ€hte und schalkhaft abwies. Der liebeskranke Riese suchte Trost in Gesang und Tanz. Die Liebe des Kyklopen machte sich auch Odysseus fĂŒr seine List zunutze. Die Episode von Polyphem und Galatea wurde in der mittleren griechischen Komödie und von bekannten alexandrinischen Dichtern wie Kallimachos[19] und Theokritos[20] aufgegriffen. Ovid[21] schuf zu dieser Geschichte durch die EinfĂŒhrung der Gestalt des Acis auch ein tragisches Moment. Acis war ein Sohn des Faunus und der Nymphe Symaethis. Galatea verlor ihr Herz an den hĂŒbschen Acis, bis dieser von Polyphem aus Eifersucht mit einem Felsblock zerschmettert wurde.
In der modernen literarischen und kĂŒnstlerischen Rezeption steht nicht die homerische ErzĂ€hlung, sondern die von der Nymphe nicht erwiderte Liebe Polyphems im Vordergrund.
Sonstiges
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine der beiden TĂŒren im ReichstagsgebĂ€ude, die zum âHammelsprungâ genutzt wurden, trug eine Intarsienarbeit, die die Bezeichnung dieses Abstimmungsverfahrens aufgriff und Polyphem als SchĂ€fer mit Hirtenstab beim ZĂ€hlen seiner Schafe zeigte.
Die Pfeilschwanzkrebs-Art Limulus polyphemus trĂ€gt den Namen des Zyklopen im Artepitheton. Der Name geht darauf zurĂŒck, dass man ursprĂŒnglich dachte, die Art habe nur ein Auge, was sich jedoch als falsch herausstellte.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Bruno Sauer: Polyphemos 2. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): AusfĂŒhrliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 3,2, Leipzig 1909, Sp. 2698â2712 (Digitalisat).
- Lutz KĂ€ppel: Polyphemos 2). In: Der Neue Pauly (DNP). Band 10, Metzler, Stuttgart 2001, ISBN 3-476-01480-0, Sp. 76.
- Gernot Michael MĂŒller: Galateia und Polyphemos. In: Maria Moog-GrĂŒnewald (Hrsg.): Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Musik und Kunst von den AnfĂ€ngen bis zur Gegenwart (= Der Neue Pauly. Supplemente. Band 5). Metzler, Stuttgart/Weimar 2008, ISBN 978-3-476-02032-1, S. 286â291.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Homer, Odyssee 1,71â72; Bibliotheke des Apollodor, Epitome 7,4
- â Karl-Heinz Stanzel: Liebende Hirten. Theokrits Bukolik und die alexandrinische Poesie. B. G. Teubner, Stuttgart 1995, S. 152; Luca Giuliani: Bild und Mythos. Geschichte der BilderzĂ€hlung in der griechischen Kunst. C. H. Beck, MĂŒnchen 2003, ISBN 3-406-50999-1, S. 107.
- â Hesiod, Theogonie 139â145; Ovid, Metamorphosen 13,772â773; Hyginus, Fabulae 125; Bibliotheke des Apollodor, Epitome 7,4
- â Christine Walde: Kyklopen. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 6, Metzler, Stuttgart 1999, ISBN 3-476-01476-2, Sp. 962. So bereits Wilhelm Heinrich Roscher: Kyklopen 2. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): AusfĂŒhrliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 2,1, Leipzig 1894, Sp. 1683; Luca Giuliani: Bild und Mythos. Geschichte der BilderzĂ€hlung in der griechischen Kunst. C. H. Beck, MĂŒnchen 2003, S. 107, der davon ausgeht, dass in der Odyssee bei der Beschreibung der Kyklopen âauf Ă€ltere MĂ€rchenĂŒberlieferungen zurĂŒckgegriffenâ wird, durch die die anatomischen Besonderheiten dem Leser bereits bekannt waren.
- â Homer, Odyssee 9,116 ff.
- â Homer, Odyssee 9,184 und 237.
- â Homer, Odyssee 9,195; Bibliotheke des Apollodor, Epitome 7, 4
- â Heinz-GĂŒnther Nesselrath: Xenoi und Hiketai bei Herodot. In: Peter Riemer, Ulrike Riemer (Hrsg.): Xenophobie â Philoxenie. Vom Umgang mit Fremden in der Antike. Franz Steiner, Stuttgart 2005, 91â101, hier S. 91 (online).
- â Homer, Odyssee 9,366
- â Luisa Schneider: Untersuchungen zu antiken griechischen RĂ€tseln. Band 2. De Gruyter, Berlin/Boston 2020, S. 124 f.
- â Peter Riemer: Namhaftigkeit und Pseudonymie. Grenzen homericher Gastfreundschaft. In: Prometheus. Band 24, 1998, S. 1â18 (PDF); Ulrich Meurer: Niemand will ich als letzten verspeisen ... Zur Politik der Gastfreundschaft in der Odyssee. In: Michael GrĂŒnbart (Hrsg.): Geschenke erhalten die Freundschaft. Gabentausch und Netzwerkpflege im europĂ€ischen Mittelalter. LIT, MĂŒnster/Berlin 2011, S. 117â127 (online).
- â Homer, Odyssee 9,408
- â Homer, Odyssee 9,105-564.
- â Wilhelm Grimm: Die Sage von Polyphem. Königl. Akad. der Wissenschaften, 1857 (google.de [abgerufen am 17. Januar 2018]).
- â a b Robarts - University of Toronto: Pausanias's Description of Greece, tr. with a commentary by J.G. Frazer. London Macmillan, 1898 (archive.org [abgerufen am 17. Januar 2018]).
- â Hans-Peter Naumann: Das Polyphem-Abenteuer in der altnordischen Sagaliteratur. Hrsg.: Schweizerisches Archiv fĂŒr Volkskunde. Band 75, Nr. 3â4, 1979 (e-periodica.ch).
- â Kurt Schier (Hrsg.): MĂ€rchen aus Island. (Diederichs MĂ€rchen der Weltliteratur.) Reinbek 1992, Anm. d. Hrsg. zu Surtla in den Blaulandinseln, S. 325 f.
- â Julien d'Huy: Polyphemus (Aa. Th. 1137): A phylogenetic reconstruction of a prehistoric tale. Hrsg.: Nouvelle Mythologie ComparĂ©e. Band 1, Nr. 1, 2013 (archives-ouvertes.fr).
- â Kallimachos, Epigramme 47
- â Theokrit, Idyllen 11
- â Ovid, Metamorphosen 13,750-897.
