
General Ne Win (áá±áááșáž; * 24. Mai 1911 in Paungdale (Bago-Division), Britisch-Indien; â 5. Dezember 2002 in Rangun) war ein birmanischer Offizier und Politiker. Er wirkte an der UnabhĂ€ngigkeit des Landes mit und regierte von 1958 bis 1960 als Premierminister, bevor er als Oberbefehlshaber der StreitkrĂ€fte Myanmars seinen Konkurrenten U Nu 1962 mit einem Staatsstreich absetzte und das demokratische System dauerhaft abschaffte. Von 1962 bis 1974 war er als Vorsitzender des Revolutionsrates der Union Staatsoberhaupt, auĂerdem Premierminister; nach der EinfĂŒhrung einer neuen Verfassung wurde er von 1974 bis 1981 PrĂ€sident.
Zwischen 1962 und 1988 galt Ne Win als der âstarke Mannâ des Landes, war Vorsitzender der von ihm gegrĂŒndeten Einheitspartei Burma Socialist Programme Party und verfolgte den âBurmanischen Weg zum Sozialismusâ als sein Programm. Unter seiner Herrschaft begab sich Burma in einen streng isolationistischen Kurs. Im Zuge des heftigen 8888-Aufstandes trat er im Juli 1988 als Parteivorsitzender zurĂŒck, kĂŒndigte aber gleichzeitig blutige GegenmaĂnahmen des MilitĂ€rs an.
Nachdem im August 1988 mit Maung Maung ein Zivilist aus den Reihen der BSPP ins PrĂ€sidentenamt gelangt war, riss das MilitĂ€r im September 1988 unter Saw Maung in einem von Ne Win inszenierten Putsch wieder die Macht an sich. Dabei wurden jedoch die BSPP und das von Ne Win aufgebaute sozialistische System aufgelöst, an deren Stelle der bis 2011 ohne Verfassung regierende Staatsrat fĂŒr Wiederherstellung von Recht und Ordnung sowie die Partei der nationalen Einheit traten. SpĂ€testens ab 1998 schwand Ne Wins Einfluss auf die MilitĂ€rregierung, und 2002 verstarb er schlieĂlich, von der Ăffentlichkeit unbemerkt, in Hausarrest.
Die Kolonialzeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ne Win wurde als Shu Maung (Augapfel) in eine gebildete chinesische Familie der Mittelschicht in Paungdale, Pyay- (Prome-) Distrikt, etwa 320 Kilometer nördlich von Rangun, geboren. 1929 nahm er ein Studium der Medizin an der UniversitĂ€t von Rangun auf mit dem Ziel, Arzt zu werden. Er fiel jedoch bei den PrĂŒfungen durch, verlieĂ daraufhin die UniversitĂ€t im Jahre 1931 und arbeitete danach als Postangestellter. In den 1930er Jahren schloss er sich, eingefĂ€delt durch seinen Onkel Thakin Nyi, der Bewegung Dobama Asiayone (We Burmans Association) an, zu der auch Aung San, der BegrĂŒnder der UnabhĂ€ngigkeit Birmas von GroĂbritannien, und U Nu, erster MinisterprĂ€sident Burmas nach der UnabhĂ€ngigkeit, gehörten. 1941 gehörte er mit diesen zu den Thirty Comrades, die zur militĂ€rischen Ausbildung nach Japan entsandt wurden. WĂ€hrend der Ausbildung auf der von Japan besetzten chinesischen Insel Hainan legte er sich den Decknamen Bo (Kommandeur) Ne Win (Strahlend wie die Sonne) zu. Er wurde fĂŒhrendes Mitglied der Burma Independence Army, die Anfang 1942 mit den Japanern in Birma einmarschierte, wĂ€hrend die britischen StreitkrĂ€fte zurĂŒckwichen.
Die Aktionen der Japaner in Birma fĂŒhrten dazu, dass Nationalisten wie Birmanen immer mehr von der Invasionsmacht abfielen, und als sich der Zweite Weltkrieg dem Ende nĂ€herte, erhoben sie sich am 27. MĂ€rz 1945 nach dem erneuten Einmarsch der Briten gegen die Japaner.
Ne Win stellte flugs Kontakte zu den Briten her und erreichte in der ceylonesischen Stadt Kandy eine Ăbereinkunft mit Louis Mountbatten, dem Kommandeur der Alliierten in SĂŒdostasien, die die Verschmelzung der Burma Independence Army mit der von den Briten rekrutieren Armee der Minderheiten Birmas auf den Weg brachte. Nachdem in den Jahren 1946 und erneut 1948 kommunistische Separatisten-Gruppen aus dem Untergrund heraus gegen die Regierung zu operieren begannen, koordinierte Ne Win die GegenmaĂnahmen von der Stadt Pyinmana im SĂŒden der Mandalay-Division aus.
Nach Erlangung der UnabhĂ€ngigkeit von GroĂbritannien am 4. Januar 1948 erschĂŒtterten AufstĂ€nde der ethnischen Minderheiten und innerhalb der Armee das Land. Nachdem General Aung San 1947 ermordet worden war, wurde Anfang 1949 Ne Win Stabschef der StreitkrĂ€fte und begann mit ihrer Neustrukturierung. Dennoch blieb das Land gespalten und die Regierung unter MinisterprĂ€sident U Nu ineffektiv.
Die Diktatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nachdem U Nus Anti Fascist People's Freedom League auseinandergebrochen war und ein Misstrauensvotum gegen seine Regierung knapp scheiterte, beauftragte er am 27. Oktober 1958 Ne Win mit der vorlĂ€ufigen RegierungsfĂŒhrung. Ne Win sorgte fĂŒr Ordnung, und Beobachter stellten fest, dass das Land in der Zeit seiner âfĂŒrsorgerischen Regierungâ gut vorankam. Nach den Wahlen im Februar 1960 ĂŒbergab Ne Win die Macht am 4. April dieses Jahres wieder an U Nu.
Keine zwei Jahre spĂ€ter, am 2. MĂ€rz 1962 unternahm Ne Win einen militĂ€rischen Staatsstreich und schickte U Nu fĂŒr fĂŒnf Jahre ins GefĂ€ngnis. Um dem drohenden Zerfall der Union durch die anhaltenden Spannungen zwischen den ethnischen Minderheiten und der Zentralregierung entgegenzuwirken, errichtete er ein System aus extremem Nationalismus, Marxismus und Buddhismus und isolierte das Land nahezu vollstĂ€ndig vom Rest der Welt. Fast zehn Jahre lang konnten sich AuslĂ€nder höchstens 24 Stunden bis zu drei Tage im Land aufhalten â Anfang der 1970er Jahre wurden die Visa auf eine Woche verlĂ€ngert. Die Abschottung gegenĂŒber dem Ausland ging so weit, dass Birma im Jahre 1978 aus der Bewegung der blockfreien Staaten ausschied.
Die durchgreifenden MaĂnahmen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet, die der Revolutionsrat unter Vorsitz von Ne Win durchsetzte, nannte er den âBirmanischen Weg zum Sozialismusâ. Die Wirtschaft wurde verstaatlicht, AuslĂ€nder des Landes verwiesen, politische Aktivisten inhaftiert und AufstĂ€nde der ethnischen Minderheiten mit massiver militĂ€rischer Gewalt bekĂ€mpft. Seit der UnabhĂ€ngigkeit entstanden die meisten Probleme mit dem Volk der Karen im SĂŒdosten des Landes. Diesen hatten die Briten noch vor der UnabhĂ€ngigkeit Birmas Versprechungen im Hinblick auf einen eigenen Staat oder zumindest eine weitgehende Autonomie gemacht.
Protest gegen Ne Wins Regierung wurde wirkungsvoll und mit aller HĂ€rte begegnet. StudentenaufstĂ€nde am 7. Juli 1962 fĂŒhrten zur ErschieĂung Dutzender Studenten und zur Sprengung des GebĂ€udes des geschichtstrĂ€chtigen Studentenbunds der Ranguner UniversitĂ€t am darauffolgenden Tag. Der Studentenbund war vor der UnabhĂ€ngigkeit das Zentrum des Widerstands gegen die Kolonialmacht gewesen, und viele StudentenfĂŒhrer, darunter auch Aung San und U Nu, hatten den Bund als Forum fĂŒr Diskussion, Protest und politische AktivitĂ€ten genutzt.
Die sozialistische Republik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach Erarbeitung einer neuen Verfassung löste sich der Revolutionsrat auf. Am 4. Januar 1974 wurde die Sozialistische Föderative Republik Birma ausgerufen. Ne Win wurde StaatsprÀsident.
Ne Wins Politik veranlasste viele Angehörige der gebildeten Teile der Arbeiterklasse, das Land zu verlassen. Die Auswirkungen dessen machen Birma noch heute zu schaffen. Die Politik der Abschottung gegenĂŒber dem Ausland ruinierte die Wirtschaft. Die BedĂŒrfnisse der Bevölkerung wurden durch Schwarzmarkt und wild wuchernden Schmuggel befriedigt, wĂ€hrend die Zentralregierung langsam in den Bankrott abrutschte.
Am 5. September 1987 lieĂ Ne Win neue Banknoten zu 45 und 90 Kyat ausgeben und die gĂ€ngigen Werte zu 25, 35 und 75 Kyat kompensationslos entwerten, um den Schwarzmarkt einzudĂ€mmen. 60 bis 80 Prozent des Vermögens der Bevölkerung waren dadurch schlagartig wertlos geworden. Dies fĂŒhrte zu Unruhen, die schlieĂlich im Jahre 1988 blutig niedergeschlagen wurden.
Auf dem Höhepunkt der Unruhen gegen die Einparteienherrschaft legte Ne Win am 23. Juli 1988 den Vorsitz der Burma Socialist Programme Party nieder, die seit dem 23. MĂ€rz 1964 einzige zugelassene Partei war. Das Amt des StaatsprĂ€sidenten hatte er bereits am 9. November 1981 an U San Yu abgegeben. Einst die âReisschĂŒssel SĂŒdostasiensâ tituliert, war Birma zu diesem Zeitpunkt eines der Ă€rmsten LĂ€nder der Welt. Bereits 1987 war das Land von den Vereinten Nationen in die Liste der am wenigsten entwickelten LĂ€nder (englisch least developed countries) eingereiht worden.
Der Aufstand gegen die Regierung hatte im MĂ€rz 1988 begonnen und gipfelte in seiner gewaltsamen Niederschlagung unter Ne Wins Nachfolger Sein Lwin am 8. August 1988. Als danach fĂŒr einen Monat der Zivilist Maung Maung, der aber auch Parteimitglied war und an der Erarbeitung der Verfassung mitgewirkt hatte, vom Parlament zum StaatsprĂ€sidenten gewĂ€hlt wurde, keimte kurz die Hoffnung auf eine Demokratisierung des Landes auf.
Der Strippenzieher
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Jedoch riss bereits am 18. September 1988 erneut eine MilitĂ€rjunta unter General Saw Maung die Macht an sich und beendete den Volksaufstand brutal. Man geht davon aus, dass Ne Win aus dem âRuhestandâ heraus die FĂ€den bei diesem Putsch gezogen hat.
Ăber 10 Jahre blieb Ne Win, obwohl offiziell aus der Politik ausgeschieden, die âgraue Eminenz im Hintergrundâ, bei der sich die Mitglieder des Staatsrats fĂŒr die Wiederherstellung von Recht und Ordnung (State Law and Order Restoration Council), wie sich die Junta nannte, Rat holten. Ab 1998, die Junta regierte nun unter dem Namen Staatsrat fĂŒr Frieden und Entwicklung (State Peace and Development Council), begann Ne Wins Einfluss zu schwinden. Im FrĂŒhjahr 2002 bezichtigte die Junta Aye Zaw Win, den Ehemann von Ne Wins Tochter Sandar Win und ihre drei Söhne, ein Komplott zum Sturz der MilitĂ€rregierung geplant zu haben und stellte Ne Win und Sandar Win am 7. MĂ€rz[1] dieses Jahres unter Hausarrest. WĂ€hrend Ne Win im Hausarrest starb, wurde seine Tochter, nachdem die Verwahrungszeit abgelaufen war, am 12. Dezember 2008 auf freien FuĂ gesetzt.[2] Die mutmaĂlichen UmstĂŒrzler wurden im September 2002 zum Tode verurteilt. Die Todesstrafe wurde jedoch bislang nicht vollzogen.
Mit der endgĂŒltigen Kaltstellung Ne Wins begann schlieĂlich auch der Fall des spĂ€teren Premierministers Khin Nyunt, der â seit 1988 Mitglied der Junta â als sein Zögling gilt.
Privates
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ne Win war offiziell fĂŒnfmal verheiratet und hatte mindestens fĂŒnf Kinder aus diesen Ehen. Der Tod seiner Lieblingsfrau Khin May Than alias Kitty Ba Than im Jahre 1972 war ein schwerer Schicksalsschlag. Dieser Ehe entstammt auch Sandar Win.
Wie auch heute noch in den höchsten RĂ€ngen der MilitĂ€rregierung ĂŒblich, interessierte sich Ne Win fĂŒr die Wahrsagerei. Viele seiner Entscheidungen fĂ€llte er nach astrologischen Prophezeiungen. Er hatte ein ausgeprĂ€gtes Interesse an der Numerologie. Seine GlĂŒckszahl soll 9 gewesen sein, weswegen es im Jahre 1987 zu den ungewöhnlichen Banknotenwerten von 45 und 90 Kyat kam, beide durch 9 teilbar.
Ne Win starb 91-jĂ€hrig am 5. Dezember 2002 in seinem Haus am Inya-See in Rangun. Sein Tod fand weltweit keine Beachtung, er erhielt kein StaatsbegrĂ€bnis, an der Trauerfeier nahm nicht einmal ein Vertreter der MilitĂ€rjunta teil. Nur etwa 30 Personen wohnten der Zeremonie bei, die bereits am Mittag seines Todestags stattfand, darunter seine Tochter Sandar Win, deren Hausarrest hierfĂŒr ausgesetzt worden war. Sie zerstreute Ne Wins Asche spĂ€ter in den Rangun-Fluss.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- René Hingst: Herausforderungen des politischen Wandels in Burma/Myanmar. Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Taiwan News: Daughter of Myanmar ex-dictator released
- â AFP: Former Myanmar dictator's daughter released from house arrest ( vom 24. Januar 2013 im Webarchiv archive.today)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Ne, Win |
| ALTERNATIVNAMEN | Shu Maung |
| KURZBESCHREIBUNG | myanmarischer Politiker |
| GEBURTSDATUM | 24. Mai 1911 |
| GEBURTSORT | Paungdale, Myanmar |
| STERBEDATUM | 5. Dezember 2002 |
| STERBEORT | Rangun |
