Mischa Meier (* 13. Juni 1971 in Dortmund) ist ein deutscher Althistoriker. Meier lehrt seit 2004 als Professor an der UniversitĂ€t TĂŒbingen und gilt international als ausgewiesener Kenner der SpĂ€tantike. FĂŒr 2022 wurde ihm der Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis zugesprochen.
Leben und Wirken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Mischa Meier studierte nach seinem Abitur am altsprachlich ausgerichteten Essener Burggymnasium im Jahr 1990 als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes[1] an der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum Klassische Philologie, Geschichte und PĂ€dagogik. 1998 wurde er dort bei Karl-Wilhelm Welwei mit einer Arbeit ĂŒber Aristokraten und Damoden. Untersuchungen zur inneren Entwicklung Spartas im 7. Jh. v. Chr. und zur politischen Funktion der Dichtung des Tyrtaios promoviert. Bereits Ende 2002 folgte die Habilitation an der UniversitĂ€t Bielefeld; Thema war nun die SpĂ€tantike, genauer: die Zeit Justinians. Die 2003 publizierte Habilitationsschrift Das andere Zeitalter Justinians lehnte sich vom Namen her an die klassische Arbeit von Berthold Rubin (Das Zeitalter Justinians, 1960) an, interpretierte die Herrschaft dieses âletzten römischen Imperatorsâ, der an einer Zeitenwende stand, jedoch wesentlich negativer: Die ZĂ€sur, die die krisenhaften Jahre 540â42 fĂŒr Justinians Herrschaft darstellten, wurde dabei von Meier besonders betont. Kernthema der vielbeachteten Arbeit sind KatastrophenĂ€ngste und Endzeiterwartungen der Bevölkerung, ausgelöst unter anderem durch die so genannte Justinianische Pest, Naturkatastrophen und KriegsgrĂ€uel. Infolgedessen habe sich die Bevölkerung verstĂ€rkt der Religion zugewandt und zugleich habe sich durch Liturgisierung und Hypersakralisierung auch der Charakter des spĂ€trömischen Kaisertums gewandelt. 2004 folgte eine Synthese der umfangreichen Arbeit in der Reihe Beck Wissen. Im selben Jahr wurde Meier auf dem Deutschen Historikertag in Kiel fĂŒr seine Neuinterpretation Justinians ausgezeichnet.
Von 1999 bis 2004 war Meier als wissenschaftlicher Assistent an der UniversitĂ€t Bielefeld tĂ€tig. Seit dem Herbst 2004 war er zunĂ€chst C3- und ist jetzt W3-Professor an der UniversitĂ€t TĂŒbingen. Von Oktober 2006 bis September 2008 war er Dekan der FakultĂ€t fĂŒr Philosophie und Geschichte. Seit 2016 ist Meier Sprecher des Sonderforschungsbereichs 923 âBedrohte Ordnungenâ. Meier hat zahlreiche Publikationen zu weiteren Themen vorgelegt. Eine groĂe Rolle spielt dabei die spĂ€tantike Historiographie (unter anderem der Historiker Prokopios); zudem ist Meier Herausgeber mehrerer wichtiger SammelbĂ€nde, etwa zum Thema Pest. 2009 erschien eine Monographie zum oströmischen Kaiser Anastasius, 2019 dann eine umfangreiche Gesamtdarstellung der Völkerwanderungszeit. Seine weiteren Forschungsgebiete sind das archaische und frĂŒhklassische Griechenland (vor allem die Geschichte Spartas), der römische Prinzipat sowie die Rezeptionsgeschichte der Antike in Musik und Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und im Historienfilm.
Seit 2008 ist Meier Mitherausgeber des Online-Rezensionsjournals sehepunkte; seit 2014 ĂŒberdies auch einer der Herausgeber der international renommierten Fachzeitschrift Historia. Meier ist ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Rufe an die Ruhr-UniversitĂ€t Bochum (2007), die UniversitĂ€t Freiburg im Breisgau (2009)[2] und die UniversitĂ€t Potsdam (2016) hat er abgelehnt. FĂŒr 2012 erhielt er den Preis der Aby-Warburg-Stiftung zugesprochen, 2015 bekam er den Karl-Christ-Preis und 2021 wurde sein Werk Geschichte der Völkerwanderung mit dem WISSEN!-Sachbuchpreis der wbg ausgezeichnet[3].
Ebenfalls von Meier stammt der 1996 im ersten Band des Neuen Pauly veröffentlichte Artikel âApopudobaliaâ, der die UrsprĂŒnge des gerade im damaligen Standort des Verfassers (Bochum) beliebten Spiels FuĂball in der römischen Antike herausarbeitet. Als Referenz wird dabei auf eine âFestschrift M. Sammerâ verwiesen. Aufgrund erheblichen Termindrucks seitens der Redaktion ging der Scherz-Artikel in den Druck und gilt heute als eines der bekanntesten âU-Booteâ der modernen Lexikografie.[4]
Meier ist auch als Komponist aktiv. Am 28. Januar 2023 wurde sein Klavierkonzert in D in TĂŒbingen uraufgefĂŒhrt. Den Solopart ĂŒbernahm der Pianist Hinrich Alpers, begleitet vom Akademischen Orchester TĂŒbingen unter Philipp Amelung.[5]
Schriften (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Monographien
- Aristokraten und Damoden. Untersuchungen zur inneren Entwicklung Spartas im 7. Jahrhundert v. Chr. und zur politischen Funktion der Dichtung des Tyrtaios. Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07430-9 (Zugleich: Dissertation, UniversitÀt Bochum 1998).
- Das andere Zeitalter Justinians. Kontingenzerfahrung und KontingenzbewÀltigung im 6. Jahrhundert n. Chr. (= Hypomnemata. Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben. Band 147). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-25246-3 (Zugleich: Habilitations-Schrift, UniversitÀt Bielefeld 2002; Besprechung bei H-Soz-u-Kult; Besprechung (Plekos); Besprechung (sehepunkte)).
- mit Barbara Patzek, Uwe Walter und Josef Wiesehöfer: Deiokes, König der Meder. Eine Herodot-Episode in ihren Kontexten (= Oriens et Occidens. Band 7). Franz Steiner, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08585-8.
- Justinian. Herrschaft, Reich und Religion. C. H. Beck, MĂŒnchen 2004, ISBN 3-406-50832-4 (Besprechung (sehepunkte); Besprechung (H-Soz-u-Kult)).
- Anastasios I. Die Entstehung des Byzantinischen Reiches. Klett-Cotta, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-608-94377-1.
- mit Steffen Patzold: August 410 â Ein Kampf um Rom. Klett-Cotta, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-608-94646-8.
- Caesar und das Problem der Monarchie in Rom (= Schriften der Philosophisch-historischen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaft. Band 52.). Winter, Heidelberg 2014, ISBN 3-8253-6248-5.
- Das Kunstwerk der Zukunft und die Antike. Konzeption â Kontexte â Wirkungen (= Wagner in der Diskussion. Band 18). Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 2019.
- Geschichte der Völkerwanderung. Europa, Asien und Afrika vom 3. bis zum 8. Jahrhundert n. Chr. C. H. Beck, MĂŒnchen 2019, ISBN 978-3-406-73959-0 (8., durchgesehene Auflage ebenda 2021; Besprechung).
- Die neronische Christenverfolgung und ihre Kontexte. Winter, Heidelberg 2020, ISBN 978-3-8253-4805-2 (Besprechung).
- mit Steffen Patzold: Gene und Geschichte. Was die ArchÀogenetik zur Geschichtsforschung beitragen kann. Hiersemann, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-7772-2103-8.
- Die Hunnen. Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger. C. H. Beck, MĂŒnchen 2025, ISBN 978-3-406-82915-4.
- Ein Ringen um die Zeit. Zeitvorstellungen, Zeitregime und TemporalitĂ€ten im 6. Jahrhundert (= Tria corda, Bd. 18). Mohr Siebeck, TĂŒbingen 2025, ISBN 978-3-16-164885-4.
Herausgeberschaften
- Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-94359-5 (Besprechung (sehepunkte)).
- Sie schufen Europa. Historische Portraits von Konstantin bis Karl dem GroĂen. Beck, MĂŒnchen 2007, ISBN 978-3-406-55500-8.
- mit Steffen Patzold: Chlodwigs Welt. Organisation von Herrschaft um 500 (= Roma aeterna. Band 3). Steiner, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-515-10853-9.
- mit Christine Radtki, Fabian Schulz: Die Weltchronik des Johannes Malalas. Autor â Werk â Ăberlieferung (= Malalas-Studien. Schriften zur Chronik des Johannes Malalas. Band 1). Steiner, Stuttgart 2016, ISBN 3-515-11099-2.
- mit Ewald Frie und Dennis Schmidt: Bedroht sein. Gesellschaften unter Stress im Vergleich. Mohr Siebeck, TĂŒbingen 2019, ISBN 978-3-16-156950-0.
- mit Federico Montinaro: A Companion to Procopius of Caesarea. Brill, Leiden 2022.
- mit Ewald Frie: Krisen anders denken. Wie Menschen mit Bedrohungen umgegangen sind und was wir daraus lernen können. PropylÀen, Berlin 2023, ISBN 978-3-549-10059-2.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Antrittsrede von Herrn Mischa Meier an der Heidelberger Akademie der Wissenschaften vom 22. Januar 2011. In: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften fĂŒr das Jahr 2011. Heidelberg 2012, S. 181â185 (online).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und ĂŒber Mischa Meier im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Seite von Meier an der UniversitĂ€t TĂŒbingen
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Leibniz-Preise: Alumna Prof. Dr. Marietta Auer und Alumnus Prof. Dr. Mischa Meier. Abgerufen am 26. November 2022.
- â uniâleben: Die Zeitung der Albert-Ludwigs-UniversitĂ€t Freiburg 01/2010 (online ( vom 29. September 2013 im Internet Archive))
- â Mischa Meier erhĂ€lt Wissen!-Sachbuchpreis ( vom 21. April 2021 im Internet Archive), deutschlandfunkkultur.de, erschienen und abgerufen am 23. Januar 2021.
- â âApopudobaliaâ oder: FuĂball im Altertum. In: mediaevum.de. Abgerufen am 8. Oktober 2017.
- â Christoph B. Ströhle: Ein Hauch von Hollywood: Akademisches Orchester der Uni TĂŒbingen mit UrauffĂŒhrung â Kultur regional â Reutlinger General-Anzeiger. Abgerufen am 7. September 2023.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Meier, Mischa |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Althistoriker |
| GEBURTSDATUM | 13. Juni 1971 |
| GEBURTSORT | Bochum |
