
Als Marsbeben werden umgangssprachlich ErschĂŒtterungen der OberflĂ€che und des Inneren des Planeten Mars bezeichnet, was bei der plötzlichen Freisetzung von Energie passiert. Dies Ă€hnelt teilweise Erdbeben, jedoch geht man davon aus, dass diese Beben durch Druckentladungen, aufgrund des Schrumpfen des Mars, aus der einheitlichen Kruste des Planeten entstehen, und nicht durch Plattenverschiebungen, wie auf der Erde.[1] Es wird geschĂ€tzt, dass sich die durchschnittliche StĂ€rke der Marsbeben zwischen denen von Mond- und Erdbeben befindet.[2]
Die NASA-Sonde Insight hat im April 2019 erstmals seismische AktivitĂ€ten auf dem Mars gemessen.[3] Es ist das erste Beben, das auf einem anderen Himmelskörper als der Erde oder dem Mond festgestellt wurde. Diese Entdeckung ist fĂŒr die Forschung sehr wichtig und wirft ein neues Licht auf Aufbau und Innenleben des Mars, denn das wĂŒrde laut Forschern von der ETH ZĂŒrich alle vorherigen Modelle davon zunichtemachen.[4]
Entdeckung und Beobachtung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1976 erforschten die NASA-Sonden Viking 1 und 2 zum ersten Mal die seismische AktivitĂ€t des Mars. Doch dieser Versuch erwies sich als Fehlschlag. Auch wenn die Instrumente an Bord bei schwachem Wind tatsĂ€chlich Marsbeben hĂ€tten aufzeichnen können, wurden sie jedoch auf dem Dach der Sonden montiert, obwohl Kontakt zur OberflĂ€che zur Messung notwendig gewesen wĂ€re. Viking 2 zeichnete zwar etwa 90 Tage die seismische AktivitĂ€t auf, jedoch konnte aufgrund fehlender Daten zum Wind, nicht zwischen Beben und WettereinflĂŒssen unterschieden werden. Bei Viking 1 konnte die Abdeckung fĂŒr das Instrument nicht entfernt werden, was dazu fĂŒhrte, dass von dieser Sonde keinerlei Messungen existieren.[5]

Die âInSightâ-Mission der NASA ist seit November 2018 auf dem Mars und sammelt dort verschiedene Daten. Unter anderem zeichnet sie seismische AktivitĂ€ten auf. Dazu ist das Seismometer SEIS (Seismic Experiment for Interior Structure) an Bord der Mission. Das Seismometersystem von InSight enthĂ€lt französische (Niederfrequenz) und britische (Hochfrequenz) Sensoren. Das Instrument wurde am 19. Dezember vom Roboterarm der Sonde auf die MarsoberflĂ€che gesetzt.[6] Auch wenn das Instrument vor Wind geschĂŒtzt ist und hochempfindlich ist, kann es schwĂ€chere Beben nicht aufzeichnen. Dazu kommt, dass es ohne weitere Seismometer arbeiten muss, wie es auf der Erde der Fall ist.[7] An der Mission nahm noch ein weiteres Instrument teil, welches Aufschluss ĂŒber die Kruste geben sollte. HPÂł wurde von dem Deutschen Zentrum fĂŒr Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt und sollte sich in den Boden bohren. Der Marsboden war jedoch hĂ€rter als erwartet, deswegen kam der Bohrer nicht voran und seine AktivitĂ€t wurde eingestellt.[8] Das erste Beben, das aufgezeichnet wurde, fand am 6. April 2019 statt, am 128. Tag der Sonde auf dem Mars.[9] Rund 450 Marsbeben wurden bis 2020 beobachtet, die Hinweise auf das Innere des Planeten liefern, davon wurden 174 ausgewertet.[10] Bei 150 von ihnen waren nur Wellen zu messen, die sich in der Kruste ausbreiten. Solche Beben sind auch von der Erde bekannt. 24 der gemessenen Beben durchliefen auch den Gesteinsmantel des Mars und Ă€hneln Erdbeben. Im Vergleich zu Erdbeben sind die Signale jedoch langsamer abgeklungen. Die meisten Beben lagen im Bereich der StĂ€rke 4 oder weniger.[11] Das ist im Durchschnitt schwĂ€cher als auf der Erde, zudem sind die Beben seltener. Bei zwei Messungen waren die Signale so stark, dass man den genauen Ursprungsort ausmachen konnte, die Cerberus-Fossae-Region.[12] Die Beben vom 7. und 18. MĂ€rz verstĂ€rken laut NASA die Vorstellung, dass Cerberus Fossae ein Zentrum seismischer AktivitĂ€t ist.[13] Insgesamt wurden bis Mai 2022 ĂŒber 1300 verschiedene Marsbeben aufgezeichnet, von denen mehr als 35 in der Forschung verwendet wurden. Am 4. Mai 2022 wurde von der InSight-Mission das bislang stĂ€rkste Beben der StĂ€rke 5 registriert.[14] Ein Beben der StĂ€rke 5 ist ein mittelgroĂes Beben im Vergleich zu den Beben, die auf der Erde zu spĂŒren sind, aber es ist nahe an der Obergrenze dessen, was Wissenschaftler wĂ€hrend der InSight-Mission auf dem Mars zu sehen hofften. Details zu Ursprung, Quelle und innerem Aufbau des Mars sind nun Gegenstand von weiterfĂŒhrenden Auswertungen dieses Bebens. Der Mars ist nach Erde und Mond erst das dritte Himmelsobjekt, an dem derartige Messungen durchgefĂŒhrt wurden.[15] Abgesehen davon hat die Mission auch MeteoriteneinschlĂ€ge beobachtet. Durch den Vergleich der Umlaufbahndaten mit den von InSight aufgezeichneten seismischen Wellen können die Forscher beobachten, wie der Planet auf die EinschlĂ€ge reagiert, was Hinweise auf das Innenleben des Planeten gibt.[16]
Entstehung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Mars besteht im Gegensatz zu der Erde nicht aus verschiedenen tektonischen Platten, sondern nur aus einer einzigen. Daher haben Marsbeben auch nicht denselben Ursprung wie Erdbeben, die durch Prozesse in der Plattentektonik entstehen. Forscher gehen davon aus, dass eine Belastung des Gesteins in der Kruste dafĂŒr verantwortlich ist. Diese wiederum entsteht, da das Innere des Mars auskĂŒhlt und der Planet deswegen schrumpft. Daraufhin brechen Teile der OberflĂ€che ein und diese wird zerklĂŒftet.[17] Ein weiterer Grund scheint zu sein, dass im flĂŒssigen Kern des Mars Magmawirbel entstehen, die Druck auf die Gesteinskruste ausĂŒben, was ebenfalls Beben auslöst. Die Beben, zumindest die stĂ€rkeren, kommen vermehrt aus der Region von Cerberus Fossae, sowie seltener aus der Valles-Marineris-Region.[1][18] Die Cerberus-Fossae-Region gehört zu den jĂŒngeren tektonischen Strukturen auf dem Mars. Sie durchschneidet eine Region, die vor relativ kurzer Zeit erst von Lava ĂŒberflutet wurde â möglicherweise sogar in den letzten etwa 100 Millionen Jahren. Die recht jungen Bruchstrukturen zeigen auĂerdem Anzeichen von Erdrutschen, sodass Fachleute die Cerberus Fossae bereits als möglicherweise tektonisch aktive Region im Blick haben.[19] Im Laufe der Mission wurden laut dem französischen Institut de Physique du Globe de Paris zwei verschiedene Arten von Marsbeben entdeckt. Eine, die eher mondĂ€hnlich und die andere, eher erdĂ€hnlich ist. Erdbebenwellen breiten sich direkter durch den Planeten aus, wĂ€hrend die von Mondbeben dazu neigen, sehr verstreut zu sein; Marsbeben liegen irgendwo dazwischen.[13]
Eine Ăhnlichkeit zu Erdbeben weisen die Beben jedoch auf, die Energie in Form von den zwei verschiedenen Wellenformen. Es entstehen sowohl primĂ€re (Druckwellen) als auch sekundĂ€re Wellen (Scherwellen). Die Druckwellen schwingen in Ausbreitungsrichtung, Ă€hnlich Schallwellen. Scherwellen hingegen breiten sich quer zur Ausbreitungsrichtung aus und sind langsamer. Durch das Messen der ZeitabstĂ€nde hat SEIS auch die Entfernung zu den Bebenherden lokalisiert.[20] Doch auf dem Mars klingen die Signale langsamer ab, was darauf hindeutet, dass die Kruste des Mars diese stĂ€rker streut. Zudem sind keine OberflĂ€chenwellen â wie bei Erdbeben â vorhanden, was bedeutet, dass die Bebenherde sehr tief liegen.[7]
Auswertung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Interpretation von Messungen auf dem Mars ist Ă€uĂerst schwierig; einerseits ist das seismische Signal schwach und geht leicht im Rauschen unter, andererseits muss SEIS allein arbeiten. âAuf der Erde arbeiten Seismometer an verschiedenen Orten zusammenâ, erklĂ€rt Max-Planck-Forscher John-Robert Scholz. Damit lassen sich die Bahnen seismischer Wellen zuverlĂ€ssig nachvollziehen, StĂ€rke und Epizentrum eines Marsbebens lassen sich mit hoher Genauigkeit bestimmen. Solche Informationen aus Messdaten von nur einem Instrument abzuleiten, erfordert neue Methoden und AnsĂ€tze.[7]
Die Ergebnisse der Forschungen wurden in drei verschiedenen Artikeln der Zeitschrift Science veröffentlicht. Unter anderem hat man herausgefunden, dass die Marskruste â zumindest auf dem Landeplatz in der NĂ€he des Ăquators â ungefĂ€hr 25 bis 45 km dick ist. Die darunterliegende LithosphĂ€re reicht mit einer Tiefe von 400 bis 600 km deutlich tiefer als die der Erde mit etwa 250 km. Das unterstĂŒtzt die Theorie, dass der Planet nur aus einer einzigen Platte besteht und daher keine Anzeichen fĂŒr Plattentektonik aufweist. AuĂerdem konnte man mithilfe der seismischen Wellen erstmals die GröĂe des Marskerns schĂ€tzen; ihr Radius betrĂ€gt rund 1840 km, was die HĂ€lfte des Erdkerns ist. Auch wenn der Mars kein Magnetfeld hat, bestĂ€tigen die aktuellen Untersuchungen auch, dass der Kern flĂŒssig ist. Stattdessen deuten Messungen auf dem Mars darauf hin, dass die Mineralogie des Marsmantels der des oberen Erdmantels Ă€hnelt, der hauptsĂ€chlich aus dem Mineral Olivin besteht. Basierend auf seismischen Messungen kamen die Forscher zu dem Schluss, dass âder Marsmantel mineralogisch eine einfachere Version des Erdmantels istâ. Aber die Seismologie offenbarte auch Unterschiede in der chemischen Zusammensetzung, was darauf hindeutet, dass Mars und Erde aus unterschiedlichen Komponenten bestehen.[20]
Zudem wurde festgestellt, dass der Druck der HohlrĂ€ume in Grundwasserleitern, die unterhalb einer KryosphĂ€re eingeschlossen sind, zunehmen wird, wenn der Mars abkĂŒhlt und die KryosphĂ€re dicker wird. Ein erhöhter Druck in den HohlrĂ€umen verringert die effektive Spannung und fördert somit die SeismizitĂ€t. Durch hohen Porendruck geförderte seismische Ereignisse können erschĂŒtterungsartig sein. Die Dokumentation der SeismizitĂ€t wĂŒrde Beweise fĂŒr wassergefĂŒllte Grundwasserleiter liefern, die zeigen, dass der Porendruck hoch ist und dass der Spannungszustand kurz vor dem Versagen steht, mit Auswirkungen auf Prozesse, die Wasser an die MarsoberflĂ€che liefern können.[22]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Raphael Schleuning: NASA Rover Insight misst bislang stÀrkste Marsbeben. In: European Scientist. 25. September 2021, abgerufen am 1. Februar 2022 (deutsch).
- â Alexandra Witze,Nature magazine: First âMarsquakeâ Detected on Red Planet. Abgerufen am 9. Februar 2022 (englisch).
- â WELT: Nasa-Raumsonde âInSightâ: Erstmals Hinweise auf ein âMarsbebenâ. In: Die Welt. 23. April 2019 (welt.de [abgerufen am 2. Februar 2022]).
- â Joachim Laukenmann: NASA-Sonde Mars Insight: Was die Marsbeben bedeuten. Abgerufen am 2. Februar 2022.
- â R.D. Lorenz, Y. Nakamura: 44th Lunar and Planetary Science Conference (2013). Hrsg.: Lunar and Planetary Institute. Nr. 1178, 2013 (usra.edu [PDF]).
- â Nasa's InSight lander 'detects first Marsquake'. In: BBC News. 23. April 2019 (bbc.com [abgerufen am 10. Februar 2022]).
- 1 2 3 Der Mars bebt. Abgerufen am 3. Februar 2022.
- â Auf dem Roten Planeten: Mars-Lander misst drei groĂe Beben. Abgerufen am 7. Februar 2022.
- â NASA's InSight Detects First Likely 'Quake' on Mars. Abgerufen am 2. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
- â Der Mars bebt. Abgerufen am 2. Februar 2022 (deutsch).
- â Der Mars bebt. Abgerufen am 2. Februar 2022.
- â InSight-Mission: Sehnsucht nach dem groĂen Marsbeben. Abgerufen am 2. Februar 2022.
- 1 2 Tony Greicius: NASAâs InSight Detects Two Sizable Quakes on Mars. 1. April 2021, abgerufen am 2. Februar 2022.
- â NASA's InSight Records Monster Quake on Mars. In: Mars InSight Mission. NASA, 9. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022 (englisch).
- â Stuart Clark: Nasa's InSight lander reveals internal structure of Mars; Analysis of marsquakes captured since probe landed in 2018 shows the Martian crust is between 12 and 23 miles thick. Hrsg.: The Guardian. Guardian News & Media, 29. Juli 2021, ISSN 0261-3077 (gale.com).
- â Alexandra Witze: Listening to meteorites hitting Mars will tell us what's inside. In: Scientific American. Nature magazine, 24. April 2019, abgerufen am 9. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
- â heise online: NASA-Sonde-Insight: Bisher heftigste Marsbeben registriert. Abgerufen am 5. Februar 2022.
- â Wie entstehen Marsbeben? 22. September 2020, abgerufen am 5. Februar 2022 (deutsch).
- â Roter Planet erschĂŒttert: Aktive Bebenzone auf dem Mars entdeckt. Abgerufen am 7. Februar 2022.
- 1 2 Dank Marsbeben zum Kern vordringen. Abgerufen am 5. Februar 2022.
- 1 2 InSight's Spectrogram of Big Martian Quake. In: NASA Science - Mars Exploration Program. NASA, 9. Mai 2022, abgerufen am 11. Mai 2022 (englisch).
- â Michael Manga, Guang Zhai, ChiâYuen Wang: Squeezing Marsquakes Out of Groundwater. In: Geophysical Research Letters. Band 46, Nr. 12, 28. Juni 2019, ISSN 0094-8276, S. 6333â6340, doi:10.1029/2019GL082892 (wiley.com [abgerufen am 7. Februar 2022]).
