
Marcelle Capy, geboren als Marcelle EugĂ©nie Marie MarquĂšs, (* 16. MĂ€rz 1891 in Cherbourg; â 5. Januar 1962 in Pradines (Lot)) war eine französische Journalistin, Schriftstellerin, Gewerkschaftsaktivistin, Pazifistin und libertĂ€re Feministin.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Familie und frĂŒhe Jahre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Eltern von Marcelle MarquÚs stammten aus Bauernfamilien in Pradines im Département Lot. Sie war das zweite von vier MÀdchen.[1] Ihr Vater, Jean MarquÚs[2], war Artillerie- und Marineoffizier.[3] Sie wuchs dort auf und verbrachte auch ihre letzten Lebensjahre im Lot.[4]
Sie nahm als Pseudonym Capy an, den Familiennamen ihrer Mutter, Gabrielle Marceline Capy[2], aber auch den ihres GroĂvaters mĂŒtterlicherseits, eines Freundes von LĂ©on Gambetta,[4] der ebenfalls aus dem Lot stammte.
Sie besuchte das Gymnasium fĂŒr MĂ€dchen in Toulouse und ging dann in die Vorbereitungsklasse fĂŒr die Ăcole normale supĂ©rieure de SĂšvres am selben Gymnasium. Mit 18 Jahren lernt sie in Toulouse Jean JaurĂšs kennen und beschloss, Schriftstellerin, Journalistin und Aktivistin zu werden.[3]
Am 30. April 1912 heiratete sie Henri Pierre Alexandre Cachet; sie lieĂen sich 1914 scheiden.[2]
Erster Weltkrieg
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sie arbeitete an den Zeitungen La Voix des femmes[5] und La Bataille syndicaliste[6] mit, aus der sie im August 1915 zusammen mit Fernand DesprÚs[7] austrat, weil die Zeitung die Linie der Union sacrée verfolgte.[7]
1916 veröffentlichte sie unter dem Namen Marcelle Capy ihr erstes Buch mit einem Vorwort von Romain Rolland: Une voix de femme dans la mĂȘlĂ©e (Eine Frauenstimme im Handgemenge). Das Buch ist ein leidenschaftliches PlĂ€doyer gegen den Krieg und fiel der Zensur zum Opfer.[8] Ihre Korrespondenz wurde von der Polizei ĂŒberwacht.[9] SĂ©verine, die Doyenne des feministischen Journalismus in Frankreich, unterstĂŒtzte sie. Marcelle Capy schrieb daraufhin fĂŒr Les Hommes du jour und Le Journal du peuple.[1]
Zwischen November 1917 und Januar 1918 arbeitete sie anonym in einer Waffenfabrik und veröffentlichte ihren Bericht in der Zeitung La Voix des Femmes: âDie Journalistin Marcelle Capy, die die Arbeitsbedingungen der Frauen in den Waffenfabriken untersuchte, war beeindruckt von der Anstrengung, die von den Frauen verlangt wurde, insbesondere von den Kontrolleurinnen der Geschosse, die elf Stunden am Tag 2500 Geschosse von 7 kg, d. h. 35 Tonnen, handhabten. Als Marcelle Capy sich an dieser Arbeit versuchte, um ihre FĂ€higkeiten zu testen, musste sie aufgeben: âNach einer Dreiviertelstunde gab ich mich geschlagen. Ich sah, wie meine Freundin, ganz zart, ganz jung, ganz nett in ihrer groĂen schwarzen SchĂŒrze, ihre Arbeit fortsetzte. Sie ist seit einem Jahr an der Glocke. 900.000 Granaten sind durch ihre Finger gegangen. Sie hat also eine Last von 7 Millionen Kilogramm gehobenâ. Was die Bezahlung von Frauen betrifft, so wird die Formel gleicher Lohn fĂŒr gleiche Arbeit ĂŒberall mit FĂŒĂen getreten. In einer Granatenfabrik erhĂ€lt ein 15-jĂ€hriger Junge 12 bis 15 Franc und eine Mutter 5 bis 6 Franc. Die Unternehmer wagen es, solche Unterschiede mit dem Hinweis auf die Zulage zu rechtfertigen, die die Frauen der Mobilisierten erhalten.â[10][11]

Am 5. Januar 1918 gehörte sie zu den GrĂŒndern der antimilitaristischen Wochenzeitung La Vague, deren Redaktionssekretariat und politische Leitung sie gemeinsam mit dem sozialistischen Abgeordneten Pierre Brizon[12] (den sie 1922 heiratete) ĂŒbernahm.[13] Die Wochenzeitung, die grundsĂ€tzlich sozialistisch und pazifistisch ausgerichtet war, eroberte schnell ein groĂes Publikum. Als Marcelle Capys Artikel nicht mehr mit der Linie der Zeitung vereinbar waren, verlieĂ sie 1923 La Vague und Pierre Brizon.[14][A 1]
Zwischenkriegszeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1925 schrieb sie Lâamour Roi und ihr Hauptwerk Des hommes passĂšrent.... In diesem Roman geht es darum, dass deutsche Kriegsgefangene in die Familien von Pradines kamen, um die Arbeit auf dem Bauernhof fĂŒr die MĂ€nner zu ĂŒbernehmen, die an die Front gegangen waren. Sie traf Henri Barbusse, Romain Rolland, Joseph Caillaux und Anatole de Monzie.[3]
Anfang der 1930er Jahre beteiligte sie sich an der Internationalen Liga der FriedenskĂ€mpfer[A 2] (LICP), in der sie fĂŒr die Propaganda zustĂ€ndig war und fĂŒr die sie zusammen mit Robert Jospin[15] VortrĂ€ge hielt.[16][17] Ihre Rede Ă bas les armes (Nieder mit den Waffen), die sie auf einem Kongress im MĂ€rz 1932 vor u. a. Albert Einstein, Georges Duhamel und Heinrich Mann hielt, wurde mit groĂem Applaus bedacht. FĂŒr diese VortrĂ€ge reiste sie viel durch Europa, die USA und Kanada.[1] Anscheinend reiste sie auch in die UdSSR und hielt dort VortrĂ€ge.[4] 1934 veröffentlichte sie Femmes seules, einen Roman, der in drei Jahreszeiten aufgeteilt ist. Als sie 1936 âsah, dass alles wieder von vorne begannâ, veröffentlichte sie im Selbstverlag Une voix de femme dans la mĂȘlĂ©e mit dem vollstĂ€ndigen Text, der 1916 der Zensur zum Opfer gefallen war.
Zweiter Weltkrieg und spÀte Jahre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Obwohl sie Anfang der 1930er Jahre Vorstandsmitglied der Ligue Internationale Contre le Racisme et lâAntisĂ©mitisme (LICRA) war, schrieb sie wĂ€hrend der Besatzungszeit in der im August 1940 gegrĂŒndeten sozialistischen Tageszeitung LâEffort, die sich dem Vichy-Regime anschloss, und in Germinal, einer 1944 gegrĂŒndeten Wochenzeitschrift, die der Kollaboration nahestand und in der auch Robert Jospin schrieb.[18]
Nach dem Krieg schrieb sie zwei Romane: La vie tient Ă un fil (Das Leben hĂ€ngt an einem Faden) und LâĂgypte au coeur du monde (Ăgypten im Herzen der Welt), den sie von einer Reise zu ihrer Ă€lteren Schwester Jeanne MarquĂšs mitbrachte, einer Journalistin und Dozentin, die mit progressiven Ă€gyptischen Intellektuellen und kĂŒnstlerischen Kreisen verbunden war.
Sie war auch an der GrĂŒndung des ComitĂ© national de rĂ©sistance Ă la guerre et Ă lâoppression[A 3] (Nationales Komitee fĂŒr den Widerstand gegen Krieg und UnterdrĂŒckung, CNRGO) von FĂ©licien Challaye[19] und Ămile Bauchet[17] im Jahr 1951 beteiligt.
Als Antirassistin war sie Mitglied der Ligue française pour la dĂ©fense des droits de lâhomme et du citoyen. Aufgrund ihres komplizenhaften Schweigens wĂ€hrend der Besatzung stufte die LICRA sie 1944 jedoch als VerrĂ€terin ein.
Werke (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Une voix de femme dans la mĂȘlĂ©e, Ăd. Paul Ollendorf, 1916.
- La dĂ©fense de la vie, Ăd. Ollendorf, 1918.
- LâAmour roi, SociĂ©tĂ© mutuelle dâĂ©dition, 1925.
- Des hommes passĂšrent..., Ăd. du Tambourin, 1930.
- Deutsch: Frauen im Joch, ĂŒbersetzt von Maximilian Fuchs und W. Stellbogen, Union, 1931.
- à bas les armes ! : discours prononcé au cours de la Croisade de la Paix organisée par la Ligue internationale des combattants de la paix, Patrie humaine, 1932.
- De lâamour du clocher Ă l'amour du monde, confĂ©rence au groupe rĂ©publicain lotois Ă Paris, Ăd. Brutus, 1932.
- Ă bas les armes !, Paris, LICP, 1933.
- Femmes seules, Paris, Ăd. MarquĂ©s, 1934.
- Du cĂŽtĂ© du soleil, Alger', Ăd. Braconnier FrĂšres, 1935.
- Avec les travailleurs de France, Selbstverlag, 1937.
- Femmes seules, Tarbes, Ăd. Hunault, 1939.
- LâĂgypte au cĆur du monde, Ăd. DenoĂ«l, 1950.
- Lâhomme et son destin, confĂ©rence donnĂ©e Ă la salle de la SociĂ©tĂ© de GĂ©ographie, Ăd. de l'Ă©cole addĂ©iste, 1951.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Evelyne Diebolt, Marie HĂ©lĂšne Zylberberg-Hocquard: Marcelle Capy â Aline Valette :Femmes et travail au XIXe siĂšcle enquĂȘtes de la Fronde et la Bataille syndicaliste. Syros, 1984, ISBN 978-2-86738-032-7.
- Pierre Gayet: Marcelle Capy, une voix de femme au-dessus de la mĂȘlĂ©e. Homme et Femmes en Quercy, 1998 (quercy.net).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Justinien Raymond: CAPY Marcelle. In: Le Maitron. (französisch).
- Capy, Marcelle. In: Deutsche Biographie. (französisch).
- Marcelle Capy. In: 100 ans de presse anarchiste. (französisch).
- Angaben zu Marcelle Capy in der Datenbank der BibliothĂšque nationale de France.
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â In der Brizon-Referenz zu diesem Abschnitt heiĂt es: âBrizons Frau Marcelle Capy, Co-Moderatorin von La Vague und Leitartiklerin, verfiel einem neo-christlichen Mystizismus und schrieb Artikel, in denen sie sich auf Zitate aus der Bibel und dem MatthĂ€usevangelium berief.â
- â Die Ligue internationale des combattants de la paix (so in der französischsprachigen WikipĂ©dia abzurufen) war eine internationale pazifistische Organisation, die von 1931 bis 1939 existierte.
- â Siehe Union pacifiste de France#Le CNRGO (1951-1961) in der frankophonen WikipĂ©dia.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â a b c Bernard Matot: Petite anthologie des premiĂšres femmes journalistes. LâEveilleur, 2019, ISBN 979-1-09601140-7, S. 69â75.
- â a b c Marcelle EugĂ©nie Marie MARQUĂS. In: Geneanet. Abgerufen am 28. Januar 2025 (französisch).
- â a b c Gayet 1998
- â a b c Siehe Weblink Maitron
- â La Vois des femmes vom 31. Oktober 1917 auf Gallica
- â La Bataille syndicaliste vom 11. Oktober 1914; LâEnfant auf Gallica
- â a b DESPRĂS, Fernand, DĂ©sirĂ©, Alfred, âA. DESBOISâ. In: Dictionnaire des militants anarchistes. Abgerufen am 28. Januar 2025 (französisch).
- â Anne Cova: FĂ©minismes et nĂ©o-malthusianismes sous la TroisiĂšme RĂ©publique. LâHarmattan, 2001, ISBN 978-2-296-46001-0, S. 115.
- â La sociĂ©tĂ© dâĂ©tudes documentaires et critiques sur la guerre. Ou la naissance dâune minoritĂ© pacifiste au sein de la Ligue des Droits de lâHomme. In: MatĂ©riaux pour l'histoire de notre temps ĂŒber PersĂ©e. Abgerufen am 28. Januar 2025 (französisch).
- â La Voix de femmes vom 28. November 1917, Artikelserie La femme Ă lâusine auf Gallica
- â Pierre Darnon: Vivre Ă Paris pendant la Grande Guerre. Hachette, 2004, ISBN 978-2-01-279140-4 (chez-alice.fr).
- â Pierre Brizon. In: AssemblĂ©e nationale. Abgerufen am 29. Januar 2025 (französisch).
- â RenĂ© Bianco: Bianco : presse anarchiste. In: 100 ans de presse anarchiste. Abgerufen am 29. Januar 2025 (französisch).
- â Brizon Pierre. In: ex-pcf.com. Abgerufen am 29. Januar 2025 (französisch).
- â Jean Maitron: JOSPIN Robert, Jules, AndrĂ©. In: Le Maitron. Abgerufen am 29. Januar 2025 (französisch).
- â Jean-Pierre Biondi: La mĂȘlĂ©e des pacifistes 1914â1945. Maisonneuve et Larose, 2000, ISBN 978-2-7068-1465-5, S. 194 (google.de).
- â a b BAUCHET, Ămile, Alexandre. In: Dictionnaire des militants anarchistes. Abgerufen am 29. Januar 2025 (französisch).
- â Simon Epstein: Un paradoxe français Antiraciste dans la Collaboration antisĂ©mites dans la RĂ©sistance. Albin Michel, 2015, ISBN 978-2-226-33429-9 (google.de).
- â Nicole Racine: CHALLAYE FĂ©licien, Robert. In: Le Maitron. Abgerufen am 29. Januar 2025 (französisch).
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Capy, Marcelle |
| ALTERNATIVNAMEN | MarquĂšs, Marcelle |
| KURZBESCHREIBUNG | französische Pazifistin und Frauenrechtlerin |
| GEBURTSDATUM | 16. MĂ€rz 1891 |
| GEBURTSORT | Cherbourg |
| STERBEDATUM | 5. Januar 1962 |
| STERBEORT | Pradines (Lot) |
