Die ErzĂ€hlung Ewald Tragy zĂ€hlt zu den FrĂŒhwerken Rainer Maria Rilkes und wurde in der zweiten HĂ€lfte des Jahres 1898 geschrieben.[1] Das Werk hĂ€lt den entscheidenden Wendepunkt in Rilkes frĂŒher Entwicklung fest und weist stark autobiographische ZĂŒge auf. Deswegen oder wegen der geplanten Veröffentlichung in einer Sammlung wurde dieses Werk nicht zu seinen Lebzeiten veröffentlicht. Das Werk handelt von dem jugendlichen Ewald Tragy, der sich von seiner Familie loslöst, um seinem unkonventionellen Lebensentwurf als Dichter, entgegen dem Willen seiner Familie, nachzukommen.
Handlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die ErzĂ€hlung gliedert sich in zwei Kapitel. Das erste Kapitel beginnt damit, dass Ewald Tragy zusammen mit seinem Vater, der Inspektor ist, durch die StraĂen Prags spaziert und sich mit ihm prĂ€sentiert. Tragys Unmut ĂŒber die gesellschaftlichen Normen wird deutlich dargelegt, welcher in dem nachfolgenden Mittagessen mit der Familie verdeutlicht wird. Das Mittagessen der Familie Tragy verlĂ€uft so wie immer: BegrĂŒĂung, Darreichen der Speisen und nebenbei eine simple Konversation der Teilnehmer. Besonders dieser normale Ablauf des Mittagessens stört Tragy. Niemand geht darauf ein, dass dies sein letzter Tag im Kreise seiner Familie ist. Nur belangloses GeplĂ€nkel und reichlich Essen. Erst nach dem Mittagessen, auf dem Weg in das Spielzimmer, wird Tragy von der Französin Jeanne auf seine Abreise und seine BeweggrĂŒnde angesprochen.
In dem zweiten Kapitel wird der Schauplatz von Prag nach MĂŒnchen verlagert. ZunĂ€chst empfindet Tragy GefĂŒhle der Freude und der Freiheit, doch die RealitĂ€t holt ihn wieder ein. Im Laufe des Kapitels trifft Tragy auf verschiedene Personen wie Wilhelm von Kranz oder Thalmann. Beide Personen beschreiben einen eigenen Abschnitt im Leben Tragys. Er trifft zunĂ€chst auf den reichen Wilhelm von Kranz. Dieser nimmt Tragy das GefĂŒhl der Einsamkeit und prĂ€gt ihn hinsichtlich seiner Weltanschauung. Durch diese erlangt er gemeinsam mit Kranz einen groĂen Bekanntenkreis, mit dem er sich tĂ€glich trifft. Nach einiger Zeit bemerkt er, dass die GesprĂ€che sinnlos sind und nur dazu dienen, dem Alleinsein zu entfliehen. Bei einem dieser Treffen lernt Tragy Thalmann kennen, der wiederum eine andere Weltanschauung als Tragy und sein Kreis vertritt. Tragy ist sofort fasziniert von dem Schriftsteller. Statt wie Kranz sich selbst anzupreisen, steht dieser gĂ€nzlich hinter seiner Meinung. Trotz dieser Faszination lĂ€sst Tragy sich, im Gegensatz zu Kranz, jedoch nicht davon beeindrucken. Das VerhĂ€ltnis zwischen Thalmann und Tragy bleibt distanziert. Thalmann unterstĂŒtzt im Gegenteil zu Kranz die schweigsame Seite Tragys. Er spricht nur das Nötigste aus, da alles andere Verschwendung wĂ€re. Durch ihn findet Tragy wieder zu sich selbst, bricht jedoch gleichzeitig den Kontakt zu jenem ab. SchlieĂlich erkrankt Tragy schwer, wird aber wĂ€hrend seiner Genesungsphase hin und wieder von Kranz besucht. Doch letztlich bricht auch dieser Kontakt ab und Tragy ist vollkommen alleine. Es scheint, als wĂ€re er von der Welt verlassen worden wie anfangs in Prag. In einem emotionalen Brief an seine Mutter legt Tragy seine GefĂŒhle offen. Er beschlieĂt jedoch, den Brief zu verbrennen.
Bezug zu Rilke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im ersten Kapitel von Ewald Tragy lassen sich nur wenige biografische Daten Rilkes erkennen. Zu den wichtigsten EinflĂŒssen von Rilkes Jugendzeit in Prag zĂ€hlt das Fehlen eines Elternhauses sowie die finanzielle AbhĂ€ngigkeit von entfernteren Verwandten. Rilkes Eltern lebten zu dieser Zeit schon lange getrennt, wobei sein Vater ehemaliger Offizier war, der als Inspektor bei der Böhmischen Nordbahn arbeitete. In Ewald Tragy wird das Fehlen einer Mutter sowie der hohe gesellschaftliche Rang des Vaters widergespiegelt. Auch die Szene des sonntĂ€glichen Mittagessens lĂ€sst sich mit Rilkes Leben verknĂŒpfen. Alle vorkommenden Personen lassen sich in Rilkes Leben unter anderen Namen wiederfinden.[2] Die einzige Unstimmigkeit, welche in der ErzĂ€hlung betont wird, besteht darin, dass Tragy 18 Jahre zĂ€hlt, als er Prag verlĂ€sst, wĂ€hrend Rilke bereits 21 war.
Das zweite Kapitel von Ewald Tragy ist schwerer in Rilkes Leben einzuordnen. Auch hier kann man wichtige Personen aus Rilkes Leben wiederfinden. Jakob Wassermann kommt in der ErzĂ€hlung als Jakob Thalmann und Wilhelm von Scholz als Wilhelm von Kranz vor.[3] Allerdings kritisierte und distanzierte Rilke sich erst einige Jahre nach dem Verlassen Prags von Wilhelm von Scholz und pflegte in seiner dortigen Zeit keinesfalls die in der ErzĂ€hlung beschriebene eher kĂŒhle, distanzierte Freundschaft zu ihm. In Ewald Tragy fehlen auch die in anderen Werken von ihm vorkommenden Indizien des Literaturbetriebs in MĂŒnchen, ĂŒber die sich Rilke spĂ€ter beschwerte und die er zu dieser Zeit ablehnte.
ErzÀhlweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Ewald Tragy nimmt der heterodiegetische ErzĂ€hler einen olympischen Standort ein, womit der ErzĂ€hler den Ăberblick ĂŒber das ganze Geschehen behĂ€lt. AuĂerdem ist er ein auktorialer ErzĂ€hler und hat somit Einsicht in die Gedanken, die Wahrnehmung und die GefĂŒhle von Ewald Tragy und das, obwohl der ErzĂ€hler auch eine neutrale Stellung einnimmt. Die Ereignisse in der ErzĂ€hlung sind chronologisch und im PrĂ€sens erzĂ€hlt, was den Lesern das GefĂŒhl gibt, an den Ereignissen von Ewald Tragy teilzunehmen.
Buchausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ewald Tragy erschien in insgesamt drei verschiedenen Ausgaben. Die erste Ausgabe erschien 1929 im Rahmen der Jahresgabe fĂŒr die Mitglieder der Gesellschaft der MĂŒnchener BĂŒcherfreunde bei B. Heller in MĂŒnchen. Die zweite Ausgabe erschien 1944 in New York bei der Johannespresse mit dem angehĂ€ngten Nachwort Richard von Misesâ. Dieses kam auch in der dritten Ausgabe vor, welche 1989 im Insel Verlag erschien.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Rainer Maria Rilke: Ewald Tragy. Mit einem Nachwort von Richard von Mises. Insel, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-458-32842-4 (Insel-Taschenbuch 1142). [informatives Nachwort aus der zweiten Textausgabe New York 1944]
- Rainer Maria Rilke: SĂ€mtliche Werke. Herausgegeben vom Rilke-Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke. Besorgt durch Ernst Zinn. Vierter Band: FrĂŒhe ErzĂ€hlungen und Dramen. Insel, Frankfurt am Main 1961.
- Rainer Maria Rilke: Prosa und Dramen. Herausgegeben von August Stahl. Insel, Frankfurt am Main und Leipzig 1996 (= Werke. Kommentierte Ausgabe in vier BĂ€nden, Band 3), S. 246â286 [Text] und S. 838â842 [Kommentar]
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Rainer Maria Rilke: Prosa und Dramen. Herausgegeben von August Stahl. Insel, Frankfurt am Main und Leipzig 1996, S. 838; Ingeborg Schnack: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes 1875â1926. Erweiterte Neuausgabe. Herausgegeben von Renate Scharffenberg. Insel, Frankfurt am Main und Leipzig 2009, S. 83.
- â Rainer Maria Rilke: Prosa und Dramen. Herausgegeben von August Stahl. Insel, Frankfurt am Main und Leipzig 1996, S. 839.
- â Rainer Maria Rilke: Prosa und Dramen. Herausgegeben von August Stahl. Insel, Frankfurt am Main und Leipzig 1996, S. 841â842.
