Die Diffusionsgewichtete Magnetresonanztomografie (abgekĂŒrzt DW-MRI von englisch diffusion-weighted magnetic resonance imaging) ist ein bildgebendes Verfahren, das mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) die Diffusionsbewegung von WassermolekĂŒlen in Körpergewebe misst und rĂ€umlich aufgelöst darstellt. Sie wird zur Untersuchung des Gehirns eingesetzt, da sich das Diffusionsverhalten im Gewebe bei einigen Erkrankungen des zentralen Nervensystems charakteristisch verĂ€ndert und die RichtungsabhĂ€ngigkeit der Diffusion RĂŒckschlĂŒsse auf den Verlauf der groĂen NervenfaserbĂŒndel erlaubt. Wie die klassische MRT ist die diffusionsgewichtete Bildgebung nichtinvasiv: Da der Bildkontrast allein mittels magnetischer Feldgradienten erzielt wird, erfordert sie weder eine Injektion von Kontrastmitteln, noch den Einsatz von ionisierender Strahlung.
Die Diffusions-Tensor-Bildgebung (abgekĂŒrzt DTI von englisch diffusion tensor imaging oder DT-MRI von diffusion tensor magnetic resonance imaging) ist eine hĂ€ufig eingesetzte Variante der DW-MRI, die auch die RichtungsabhĂ€ngigkeit der Diffusion erfasst. Pro Volumenelement (Voxel) bestimmt sie nicht nur einen einzelnen Zahlenwert, der im Schnittbild als Grauwert dargestellt werden kann, sondern berechnet einen Tensor (konkret: eine 3Ă3-Matrix), der das dreidimensionale Diffusionsverhalten beschreibt. Derartige Messungen sind zeitaufwĂ€ndiger als herkömmliche MRT-Aufnahmen und erzeugen gröĂere Datenmengen, die der Radiologe erst durch den Einsatz verschiedener Visualisierungs-Techniken interpretieren kann.
Die Diffusions-Bildgebung entstand in den 1980er Jahren. Inzwischen wird sie von allen neuen MRT-GerĂ€ten unterstĂŒtzt und hat sich im klinischen Alltag zur Hirninfarkt-Diagnose etabliert, da die betroffenen Hirnregionen in diffusionsgewichteten Bildern frĂŒher zu erkennen sind als in der klassischen MRT. Die Diffusions-Tensor-Bildgebung wurde Mitte der 1990er Jahre von Peter J. Basser und Denis Le Bihan entwickelt. Einige Kliniken setzen sie zur Operations- und Bestrahlungs-Planung ein. DarĂŒber hinaus wird die DT-MRI in der medizinischen Forschung zur Erforschung von Krankheiten, die mit VerĂ€nderungen der weiĂen Substanz einhergehen (wie etwa Morbus Alzheimer oder Multiple Sklerose) genutzt. Auch die Weiterentwicklung der diffusionsgewichteten Bildgebung selbst ist aktueller Forschungsgegenstand, etwa im Rahmen des Human Connectome Project.

Messverfahren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Grundlagen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Diffusions-Bildgebung beruht auf den gleichen physikalischen Grundlagen wie herkömmliche MRT (siehe auch Hauptartikel Magnetresonanztomografie). Sie nutzt die Tatsache, dass Protonen ein magnetisches Moment besitzen und sich in einem Ă€uĂeren Magnetfeld entweder parallel (niederenergetischer Zustand) oder antiparallel (hochenergetischer Zustand) ausrichten. Im Gleichgewicht befindet sich eine gröĂere Anzahl der Protonen im niederenergetischen Zustand, wodurch ein Summenvektor parallel zum Ă€uĂeren Feld entsteht (paramagnetischer Effekt). Die Richtung des Ă€uĂeren Felds bezeichnet man im Kontext der MRT als z-Achse; senkrecht dazu steht die xy-Ebene.
Die Rotationsachse der Protonen schwingt kegelförmig (PrĂ€zession) um die z-Achse. Die Frequenz dieser Bewegung ist zur FeldstĂ€rke des Ă€uĂeren Magnetfelds proportional und wird Larmorfrequenz genannt. Eine hochfrequente elektromagnetische Welle (âHF-Pulsâ) mit dieser Frequenz regt die magnetischen Momente zu einem Wechsel ihres Zustands an (Kernspinresonanz). Dadurch Ă€ndert sich in AbhĂ€ngigkeit von StĂ€rke und Dauer des Pulses die Ausrichtung des Summenvektors, er âklappt umâ. Die umgeklappten Momente rotieren zunĂ€chst phasengleich, so dass der Summenvektor nun auch eine (rotierende) Komponente in der xy-Ebene besitzt.
Dieser Effekt kann mit einer Mess-Spule beobachtet werden, die senkrecht auf der xy-Ebene steht; in ihr induziert das rotierende Netto-Moment eine Spannung. Schaltet man den HF-Puls ab, kehren die Protonen wieder in ihren Gleichgewichtszustand zurĂŒck. Durch InhomogenitĂ€ten im Ă€uĂeren Feld und thermische StöĂe (âSpin-Spin-Wechselwirkungâ) verliert sich auch die PhasenkohĂ€renz und die xy-Komponente des Summenvektors verschwindet. Zur Beobachtung der Diffusionsbewegung muss man ein âortsaufgelöstesâ NMR-Experiment machen, also ein Feldgradienten-NMR-Experiment, in dem durch das Anlegen von Magnetfeld-Gradienten die NMR-Signalfrequenz ortsabhĂ€ngig gemacht wird und somit OrtsverĂ€nderungen der WassermolekĂŒle durch Diffusion beobachtbar werden.
Diffusionsgewichtete MRT-Sequenzen
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Eine diffusionsgewichtete MRT-Sequenz (siehe Schema) beginnt damit, dass der Summenvektor zunĂ€chst um 90° in die xy-Ebene gekippt wird. Die Diffusionswichtung geschieht durch ein kurzzeitig geschaltetes Gradientenfeld, das die FeldstĂ€rke des Ă€uĂeren Magnetfelds in einer vorgegebenen Richtung variiert. Entlang dieser Richtung prĂ€zedieren die Kerne nicht mehr mit der gleichen Larmorfrequenz; sie geraten aus der Phase und die in der Mess-Spule induzierte Spannung verschwindet.
AnschlieĂend kehrt man mit einem erneuten HF-Puls die Drehrichtung der Kerne um (180°-Puls) und schaltet nochmals das gleiche Gradientenfeld ein. Aufgrund der identischen Frequenzunterschiede bei umgekehrter Drehrichtung gelangen die magnetischen Momente nun wieder in Phase und es tritt erneut eine Spannung auf, das Spin-Echo. Dies ist allerdings schwĂ€cher als das Signal zu Beginn der Sequenz, da ein Teil der Kerne nicht wieder in Phase gerĂ€t â das sind insbesondere diejenigen, die sich wĂ€hrend der Messung in Richtung des Gradientenfelds bewegt haben. Eine Diffusionsbewegung in dieser Richtung Ă€uĂert sich also in einer AbschwĂ€chung des Signals.
Wie oben beschrieben schwÀchen auch Spin-Spin-Wechselwirkungen das Spin-Echo ab; die Auswirkungen von FeldinhomogenitÀten werden dagegen durch die Mess-Sequenz eliminiert. Um den Einfluss der Diffusionsbewegung abschÀtzen zu können, ist daher zum Vergleich eine zweite Aufnahme notwendig, in der kein Gradient geschaltet wird.
Das physikalische Modell
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Um die RichtungsabhÀngigkeit der Diffusion zu beschreiben, nutzt die DT-MRI das mathematische Modell der freien Diffusion, die in der Physik durch die Fickschen Gesetze beschrieben wird. Im dreidimensionalen Fall lautet das erste Ficksche Gesetz
Es stellt die Teilchenstromdichte in Beziehung zum Konzentrationsgradienten . Als ProportionalitĂ€tsfaktor tritt dabei der skalare Diffusionskoeffizient auf. In anisotropen Medien ist der Diffusionskoeffizient richtungsabhĂ€ngig und muss in obiger Gleichung daher durch den Diffusions-Tensor ersetzt werden â eine symmetrische 3Ă3-Matrix, die hier eine lineare Abbildung beschreibt.
Die Diffusions-Bildgebung misst die Selbstdiffusion von Wasser, das heiĂt die Brownsche Molekularbewegung, die Wasser-MolekĂŒle aufgrund ihrer thermischen Energie stĂ€ndig ausfĂŒhren. Diese ist nicht mit einem Konzentrationsgradienten verbunden, bildet jedoch die physikalische Grundlage des durch die Fickschen Gesetze beschriebenen Prozesses und folgt daher dem gleichen mathematischen Modell. Dennoch ist das beschriebene Diffusionstensor-Modell streng genommen in der DT-MRI nicht anwendbar, weil hier keine freie Diffusion vorliegt, sondern die Molekularbewegung durch Hindernisse auf zellularer Ebene eingeschrĂ€nkt ist. Ziel des Verfahrens ist es, aus der Beobachtung dieser EinschrĂ€nkung RĂŒckschlĂŒsse auf die Struktur des Gewebes zu ziehen, in dem das Wasser diffundiert.
Aus diesem Grund spricht man statt von Diffusionskoeffizienten genauer von einem apparent diffusion coefficient (ADC), einem âscheinbarenâ Diffusionskoeffizienten, der nicht nur von der Richtung, sondern auch von der DiffusionslĂ€nge abhĂ€ngt: Schaltet man die Gradientenfelder in so kurzem zeitlichen Abstand, dass der GroĂteil der MolekĂŒle wĂ€hrend dieser Zeit auf kein Hindernis trifft, erscheint die Diffusion frei; erhöht man die Diffusionszeit, zeigt sich die EinschrĂ€nkung der Bewegung, der ADC nimmt ab. In technischen Anwendungen nutzt man diesen Effekt, um durch Messungen mit variabler Diffusionszeit den Porendurchmesser von mikroporösen Stoffen zu ermitteln. In der Diffusions-Tensor-Bildgebung ist die GröĂenordnung der untersuchten Zellstrukturen bekannt, so dass die Diffusionszeit an sie angepasst werden kann. In der Praxis der DT-MRI kann man daher die AbhĂ€ngigkeit des ADC von der DiffusionslĂ€nge ignorieren und spricht hĂ€ufig weiterhin vereinfachend von Diffusionskoeffizienten.
Berechnung des Diffusions-Tensors
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die zentrale Gleichung der Diffusions-Tensor-Bildgebung beschreibt die AbschwÀchung des Mess-Signals in AbhÀngigkeit von den Messparametern und dem Diffusions-Tensor. Sie wird als Stejskal-Tanner-Gleichung bezeichnet:
steht hier fĂŒr die SignalstĂ€rke unter Wirkung eines Gradientenfelds in Richtung , ist die SignalstĂ€rke einer ungewichteten Messung und fasst die Messparameter zusammen. Der Diffusions-Tensor beschreibt eine positiv semidefinite quadratische Form, die jeder Richtung einen ADC zuordnet.
und werden vor der Messung festgelegt. und sind nach der Messung bekannt. Da die symmetrische Matrix sechs Freiheitsgrade besitzt, sind neben der ungewichteten mindestens sechs diffusionsgewichtete Messungen in verschiedenen Richtungen notwendig, um mittels der Gleichung den vollstÀndigen Diffusionstensor schÀtzen zu können. Da die Genauigkeit der Ergebnisse aufgrund von Rauschen und Mess-Artefakten eingeschrÀnkt ist, werden die Messungen in der Regel wiederholt oder zusÀtzliche Richtungen herangezogen. Die SchÀtzung des Tensors erfolgt dann beispielsweise nach der Methode der kleinsten Quadrate.
Die hohe Zahl von Einzelmessungen erklĂ€rt den Zeitaufwand des Verfahrens, der je nach Anzahl der Schnittbilder, benötigter Genauigkeit und FeldstĂ€rke des Scanners zwischen einigen Minuten und einer Stunde betrĂ€gt. Da das Verfahren empfindlich auf Ă€uĂere Bewegungen reagiert, wird der Kopf des Probanden wĂ€hrend dieser Zeit durch ein Gestell fixiert.
Interpretation des Diffusionskoeffizienten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Hirngewebe ist die Beweglichkeit der Wasser-MolekĂŒle durch Hindernisse wie zum Beispiel Zellmembranen eingeschrĂ€nkt. Insbesondere können sich die MolekĂŒle in Anwesenheit dicht gepackter Nervenfasern entlang der langgestreckten Axone ungehinderter bewegen als quer zu ihnen. Die grundlegende Annahme bei der Interpretation von Diffusions-Tensor-Daten ist daher, dass die Richtung des gröĂten Diffusionskoeffizienten den Verlauf der Nervenfasern widerspiegelt.
Eine solche Interpretation muss berĂŒcksichtigen, dass die Axone mit einem Durchmesser im Mikrometer-Bereich deutlich unterhalb der Auflösung des Verfahrens liegen, die wenige Millimeter betrĂ€gt. Das gemessene Signal stellt also einen Mittelwert ĂŒber ein bestimmtes Volumen dar, der nur dann aussagekrĂ€ftig ist, wenn das Gewebe innerhalb dieses Gebiets homogen ist. Daher können nur gröĂere NervenfaserbĂŒndel dargestellt werden. Die genauen Mechanismen, die dem beobachteten Diffusionsverhalten zugrunde liegen, sind nicht abschlieĂend geklĂ€rt. Aufgrund der bisherigen Untersuchungen geht man davon aus, dass die RichtungsabhĂ€ngigkeit sowohl die MolekĂŒle innerhalb als auch jene auĂerhalb der Zellen betrifft und durch die Myelinisierung von Nervenfasern verstĂ€rkt, aber nicht allein verursacht wird.[1]
Auch in Muskelfasern weist die Diffusionsbewegung eine klare Vorzugsrichtung auf. So wurde das Diffusions-Tensor-Modell zuerst mittels Messungen an Skelettmuskeln erprobt, da die Ergebnisse hier leicht zu verifizieren sind.[2] Auch der Aufbau des Herzmuskels von SĂ€ugetieren, in dem die Ausrichtung der einzelnen Fasern zwischen innerer und Ă€uĂerer Wand (Endokard bzw. Epikard) um etwa 140° rotiert, konnte mittels Diffusions-Tensor-Messungen an prĂ€parierten Herzen sichtbar gemacht werden. Mit speziell angepassten Mess-Sequenzen ist auch eine Untersuchung des schlagenden Herzens möglich; diese ist jedoch aufwĂ€ndig und bisher (Stand: 2012) noch keine klinische Routine.[3]
Visualisierung
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Ein vollstÀndiger Diffusions-Tensor-Datensatz enthÀlt mehr Informationen, als der Mensch durch eine einzige Abbildung aufnehmen könnte. Daher wurde eine Vielzahl von Techniken entwickelt, die sich jeweils darauf beschrÀnken, bestimmte Aspekte der Daten zu veranschaulichen und sich gegenseitig ergÀnzen. In der Praxis etabliert haben sich Darstellungen von Schnittbildern, Traktografie, sowie Tensor-Glyphen.
Schnittbilder
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur Darstellung von Schnittbildern, wie sie aus der traditionellen MRT bekannt sind, werden die Diffusions-Tensoren auf einen Grau- oder Farbwert reduziert. Grauwerte werden aus den Eigenwerten des Diffusions-Tensors berechnet. Ăblich sind vor allem der mittlere Diffusionskoeffizient und die Fraktionale Anisotropie. Letztere gibt an, wie richtungsabhĂ€ngig die Diffusion ist und gilt als Indikator fĂŒr die Unversehrtheit eines FaserbĂŒndels. Derartige Bilder werden zur Diagnostik oft rein visuell ausgewertet und ermöglichen zum Beispiel die Diagnose von Hirninfarkten. Im Rahmen von Gruppenstudien werden statistische Unterschiede in diesen MaĂen untersucht, zum Beispiel ein RĂŒckgang der Anisotropie bei bestimmten Erkrankungen.
AuĂerdem wird die Richtung des gröĂten Diffusionskoeffizienten hĂ€ufig als Farbwert kodiert. Hierbei wird jeder der drei Achsen eine der Grundfarben rot, grĂŒn und blau zugeordnet, die bei dazwischen liegenden Richtungen gemischt werden.[4] Voxel ohne klare Hauptrichtung erscheinen grau (siehe Abbildung).
Traktografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Traktografie oder Fiber Tracking werden Verfahren bezeichnet, die den Verlauf gröĂerer NervenfaserbĂŒndel rekonstruieren. Zur Visualisierung sind hierbei Darstellungen von Hyperstromlinien ĂŒblich, dreidimensionalen Linien, deren Verlauf der Richtung des gröĂten Diffusionskoeffizienten folgt.[5][6] Die Abbildung am Beginn dieses Artikels zeigt beispielhaft alle BĂŒndel, die die Medianebene schneiden. Einen alternativen Ansatz stellt die probabilistische Traktografie dar. Sie berechnet fĂŒr jeden Punkt im Gehirn eine Wahrscheinlichkeit, mit der auf Grundlage der Daten eine Nervenverbindung mit einem gegebenen Ausgangsareal angenommen werden kann.[7] Derartige Ergebnisse eignen sich weniger fĂŒr die Erzeugung aussagekrĂ€ftiger Bilder, ermöglichen jedoch quantitative Aussagen und finden daher in der Kognitionsforschung Verwendung.
Die Tatsache, dass die Diffusions-Tensor-Bildgebung derzeit das einzige Verfahren ist, das eine nicht-invasive Darstellung der NervenfaserbĂŒndel erlaubt, hat wesentlich zu ihrer Verbreitung beigetragen. Andererseits ist es aufgrund dessen schwierig zu ĂŒberprĂŒfen, inwiefern die Ergebnisse gĂ€ngiger Traktografie-Verfahren mit dem tatsĂ€chlichen Verlauf der Nervenbahnen ĂŒbereinstimmen. Erste Versuche der Validierung im Tierexperiment stĂŒtzen die Vermutung, dass die Hauptrichtung der Diffusion die Ausrichtung kohĂ€renter Nervenfasern anzeigt[8] und weisen Ăbereinstimmungen zwischen nichtinvasiver Traktografie und nach dem Tod durchgefĂŒhrten histologischen Untersuchungen nach.[9] Bereiche, in denen FaserbĂŒndel sich auffĂ€chern oder kreuzen, werden von der DT-MRI nur unzureichend erfasst und motivieren daher ihre Weiterentwicklung zu Methoden mit hoher Winkelauflösung (siehe unten).
Tensor-Glyphen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Glyphen werden in der Visualisierung geometrische Körper bezeichnet, deren Form und Ausrichtung die gewĂŒnschte Information vermitteln. Sie bieten die Möglichkeit, die in einem Diffusionstensor enthaltene Information vollstĂ€ndig darzustellen. Allerdings kann in diesem Fall nur ein Ausschnitt der Daten gezeigt werden, da Glyphen eine gewisse GröĂe haben mĂŒssen und sich nicht verdecken dĂŒrfen, um erkennbar zu bleiben. Die verbreitetsten Tensor-Glyphen sind Ellipsoide, deren Halbachsen mit der StĂ€rke der Diffusion in der jeweiligen Richtung skaliert sind; die lĂ€ngste Halbachse zeigt also in Richtung der stĂ€rksten Diffusion. Ist der Diffusionskoeffizient in allen Richtungen etwa gleich, so Ă€hnelt der Diffusions-Ellipsoid einer Kugel (siehe Abbildung).
Anwendungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Diagnostik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine hĂ€ufige Anwendung von diffusionsgewichteter MRT ist die Diagnostik von Hirninfarkten. Das betroffene Hirngewebe weist oft schon nach wenigen Minuten geringere Diffusionskoeffizienten auf als die gesunde Umgebung. Dieser Effekt wird darauf zurĂŒckgefĂŒhrt, dass nach Ausfall der Natrium-Kalium-Pumpen im geschĂ€digten Bereich extrazellulĂ€re FlĂŒssigkeit in die Zellen einströmt, wo ihre Diffusionsbewegung stĂ€rkeren EinschrĂ€nkungen unterliegt.
In herkömmlichen MRT-Bildern wird der Infarkt erst spÀter sichtbar, in manchen FÀllen erst nach 8 bis 12 Stunden.[10]
Operationsplanung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei chirurgischen Eingriffen im Gehirn und der Bestrahlung von Hirntumoren ist es wichtig, die Nervenbahnen so weit wie möglich zu erhalten, da ihre Verletzung in der Regel zu bleibenden FunktionsausfĂ€llen fĂŒhrt. Die Diffusions-Tensor-Bildgebung kann helfen, vorab die Lage der Nerven festzustellen und bei der Operations- bzw. Bestrahlungsplanung zu berĂŒcksichtigen. Da sich das Gehirn wĂ€hrend des Eingriffs verformt, kann es sinnvoll sein eine Operation zu unterbrechen, um eine erneute Aufnahme anzufertigen.
Die Diffusions-Tensor-Bildgebung gibt zudem Hinweise darauf, ob ein Tumor bereits in eine Nervenbahn eingedrungen ist und kann in einigen FĂ€llen die EinschĂ€tzung unterstĂŒtzen, ob eine Operation ĂŒberhaupt aussichtsreich ist.
Forschung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Diffusions-Tensor-Bildgebung wird zunehmend als Forschungsinstrument in medizinischen und kognitionswissenschaftlichen Studien eingesetzt. Im Zentrum des Interesses stehen hier meist VerĂ€nderungen des mittleren Diffusionskoeffizienten (Mittlere DiffusivitĂ€t) und der Fraktionalen Anisotropie, wobei letztere hĂ€ufig als Indikator fĂŒr die IntegritĂ€t von Nervenfasern interpretiert wird.
So konnte etwa gezeigt werden, dass normale Alterungsprozesse mit einem signifikanten RĂŒckgang der Fraktionalen Anisotropie und einer Erhöhung der mittleren DiffusivitĂ€t einhergehen.[11] Auch bei vielen neurologischen und psychiatrischen Krankheiten, darunter Multiple Sklerose, Epilepsie, Morbus Alzheimer, Schizophrenie und HIV-Enzephalopathie, lassen sich VerĂ€nderungen in der DT-MRI nachweisen. Viele Studien auf Basis der Diffusion-Bildgebung gehen der Frage nach, welche Hirnregionen besonders betroffen sind. Die Diffusions-Tensor-Bildgebung wird hier auch komplementĂ€r zur funktionellen Magnetresonanztomografie eingesetzt.
Die Neurowissenschaft nutzt zudem probabilistische Traktografie-Verfahren, die Hinweise auf Nervenverbindungen zwischen bestimmten Hirnarealen liefern. Dies erlaubt es, den Thalamus weiter zu untergliedern, obwohl er in der herkömmlichen Magnetresonanztomographie als einheitliche Struktur erscheint.[12]
Einen besonderen Schwerpunkt bilden aktuelle Varianten der Diffusions-Bildgebung im Human Connectome Project, dessen Ziel es ist, die natĂŒrliche VariabilitĂ€t des gesunden menschlichen Konnektoms zu untersuchen. Im Rahmen dieses wĂ€hrend der Jahre 2010 bis 2015 mit insgesamt knapp 40 Millionen US-Dollar geförderten Programms werden die Ergebnisse der Diffusions-Bildgebung unter anderem mit Genanalysen und kognitiven FĂ€higkeiten korreliert.
Historische Entwicklung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Chemiker Edward O. Stejskal (1932â2011) und sein Doktorand John E. Tanner beschrieben bereits 1965, wie sich ein kurzzeitig geschaltetes Gradientenfeld in Kernspinresonanz-Experimenten dazu nutzen lĂ€sst, die Diffusionsbewegung von Wasserstoff-Kernen zu messen.[13] Nach ihnen sind sowohl die fĂŒr die Diffusions-Bildgebung grundlegende Mess-Sequenz benannt, als auch die Formel, die es ermöglicht, aus der AbschwĂ€chung des Spin-Echos den Diffusionskoeffizienten zu errechnen.
In den 1970er Jahren schufen Paul Christian Lauterbur und Peter Mansfield mit der ortsaufgelösten Magnetresonanztomografie die Möglichkeit, die Kernspinresonanz zur Bildgebung einzusetzen. 1985 fĂŒhrte der Neuroradiologe Denis LeBihan das von Stejskal und Tanner entwickelte Verfahren zur Diffusionsmessung in die MRT ein. In Zusammenarbeit mit LeBihan schlug der Ingenieurwissenschaftler Peter J. Basser 1994 schlieĂlich den Diffusions-Tensor als Modell vor. Er berĂŒcksichtigt die RichtungsabhĂ€ngigkeit des Diffusionskoeffizienten und erlaubt somit RĂŒckschlĂŒsse auf den Verlauf groĂer Nervenbahnen. Etwa seit dem Jahr 2000 entwickeln verschiedene Forschergruppen aufwĂ€ndigere Varianten der Diffusions-Bildgebung, die eine groĂe Zahl von Messungen und/oder eine besonders starke Diffusionswichtung erfordern. FĂŒr diese Daten wurde eine Vielzahl neuer Modelle vorgeschlagen, von denen bislang (Stand: 2011) keins eine dem Diffusions-Tensor vergleichbare Verbreitung erfahren hat.
Weiterentwicklung des Verfahrens
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Verbesserung der BildqualitÀt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Diffusionsgewichtete MRT-Messungen bieten hĂ€ufig nur eine eingeschrĂ€nkte BildqualitĂ€t. Die gegenĂŒber traditioneller MRT höhere AnfĂ€lligkeit gegen Störungen erklĂ€rt sich aus dem oben beschriebenen Messverfahren: Da sich die Diffusionsbewegung in einer AbschwĂ€chung des gemessenen Signals Ă€uĂert, wird dies stĂ€rker vom Rauschen der Mess-Apparatur beeinflusst. Aus diesem Grund gibt es kaum Fortschritte in Richtung einer höheren Ortsauflösung des Verfahrens, da kleinere Volumenelemente ein entsprechend schwĂ€cheres Ausgangssignal bieten. Zudem benötigt man eine groĂe Zahl von Einzelmessungen und nutzt daher meist zeitsparende Mess-Sequenzen wie das Echo Planar Imaging, um den Gesamtaufwand und die Belastung des Patienten vertretbar zu halten. Diese Sequenzen fĂŒhren jedoch besonders hĂ€ufig zu Artefakten.
Diesen Problemen begegnet man zum einen durch Nachbearbeiten der Messdaten im Computer, wodurch die Störungen zum Teil korrigiert werden können. Die radiologische Forschung sucht auĂerdem nach neuen MRT-Sequenzen, die weniger fehleranfĂ€llig sind.
Erhöhung der Winkelauflösung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Diffusions-Tensor-Modell beschreibt das Diffusionsverhalten innerhalb eines Voxels nur dann annĂ€hernd korrekt, wenn die Diffusion eine einzige Hauptrichtung besitzt. Somit stöĂt es in Voxeln, in denen Nervenbahnen sich kreuzen oder auffĂ€chern, an seine Grenzen. In den vergangenen Jahren wurden daher AnsĂ€tze entwickelt, in sehr vielen (60 und mehr) verschiedenen Richtungen diffusionsgewichtete Aufnahmen zu machen, um komplexes Diffusionsverhalten besser erfassen zu können. Derartige Verfahren bezeichnet man mit der AbkĂŒrzung HARDI (High Angular Resolution Diffusion Imaging, âDiffusions-Bildgebung mit hoher Winkelauflösungâ).
Verarbeitung und Auswertung der Daten
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auch die Methoden, mit denen die Daten der Diffusions-Bildgebung fĂŒr medizinische Studien weiterverarbeitet und ausgewertet werden, sind derzeit (Stand: 2011) Gegenstand der Forschung. FrĂŒhe Studien nutzten zum Teil sehr einfache Methoden der Bildregistrierung, um aus den Diffusions-Daten abgeleitete MaĂe ĂŒber gröĂere Probandengruppen hinweg zu vergleichen. Dies hat sich als problematisch erwiesen, da es schwierig ist, die anatomischen Strukturen verschiedener Individuen perfekt zur Deckung zu bringen und Abweichungen zu irrefĂŒhrenden und widersprĂŒchlichen Studienergebnissen fĂŒhren können. Neben verbesserten Algorithmen zur Registrierung werden daher derzeit auch Methoden zur statistischen Auswertung entwickelt, die weniger empfindlich auf Registrierungsfehler reagieren.[14]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Derek K. Jones (Hrsg.): Diffusion MRI: Theory, Methods, and Applications. Oxford University Press, 2011. ISBN 978-0-19-536977-9 Englischsprachiges Fachbuch, das in BeitrÀgen internationaler Experten physikalische und biologische Grundlagen, Messmethoden, algorithmische Auswertung, Anwendungen, aktuelle Forschungsthemen und historische Hintergrunde abdeckt.
- Bernhard Preim, Dirk Bartz: Visualization in Medicine. Morgan Kaufmann, 2007. ISBN 978-0-12-370596-9 Englischsprachiges Fachbuch. Behandelt in Kapitel 18 Messung, Verarbeitung, Visualisierung und Interpretation von Diffusions-Tensor-Daten.
- Charles D. Hansen, Christopher R. Johnson (Hrsg.): Visualization Handbook. Academic Press, 2004. ISBN 978-0-12-387582-2 Englischsprachiges Fachbuch. Behandelt in Kapitel 16 die visuelle Aufbereitung von Diffusions-Tensor-Daten.
- Le Bihan D, Mangin JF, Poupon C, Clark CA, Pappata S, Molko N, Chabriat H: Diffusion Tensor Imaging: Concepts and Applications. In: Journal of Magnetic Resonance Imaging. 2001, S. 534â546 (englisch, Diffusion Tensor Imaging: Concepts and Applications ( vom 19. Oktober 2013 im Internet Archive) [PDF; 696 kB; abgerufen am 22. Juni 2016] Ăbersichts-Artikel in Fachzeitschrift).
- Joachim Weickert, Hans Hagen (Hrsg.): Visualization and Processing of Tensor Fields. Springer, Berlin 2006. ISBN 3-540-25032-8 Englischsprachiges Fachbuch zur Visualisierung und Verarbeitung von Tensor-Daten, mit einem deutlichen Schwerpunkt auf DT-MRI.
- Den Geheimnissen des Gehirns auf der Spur. in: Ărzte-Woche. Wien 16.2002, Nr. 27. ISSN 1862-7137 Allgemein verstĂ€ndlicher Ăberblick ĂŒber das Verfahren, deutsch.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Informationen des Zentrums fĂŒr Bildgebung in den Neurowissenschaften (Brain Imaging Center, Frankfurt) zur Funktionsweise der DT-MRI
- Pressemitteilung der National Institutes of Health (2000) zu den Möglichkeiten der DT-MRI (englisch)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Christian Beaulieu: The basis of anisotropic water diffusion in the nervous system â a technical review. In: NMR in Biomedicine 2002, 15, S. 435â455.
- â P.J. Basser, J. Mattiello, D. LeBihan: Estimation of the effective self-diffusion tensor from the NMR spin echo. In: Journal of Magnetic Resonance. Series B. San Diego Cal 103.1994, S. 247â254. ISSN 1064-1866
- â Sonia Nielles-Vallespin, Choukri Mekkaoui u. a.: In vivo diffusion tensor MRI of the human heart: Reproducibility of breath-hold and navigator-based approaches. In: Magnetic Resonance in Medicine. 70, 2013, S. 454, doi:10.1002/mrm.24488.
- â S. Pajevic, C. Pierpaoli: Color schemes to represent the orientation of anisotropic tissues from diffusion tensor data. Application to white matter fiber tract mapping in the human brain. In: Magnetic Resonance in Medicine. New York 42.1999,3, S. 526â540. ISSN 0740-3194
- â S. Mori, B. J. Crain, V. P. Chacko, P. C. M. van Zijl: Three-dimensional tracking of axonal projections in the brain by magnetic resonance imaging. In: Annals of Neurology, 45(2), S. 265â269, 1999
- â P. J. Basser, S. Pajevic, C. Pierpaoli, J. Duda, A. Aldroubi: In vivo fiber tractography using DT-MRI data. In: Magnetic Resonance in Medicine. New York 44.2000, S. 625â632. ISSN 0740-3194
- â T.E.J. Behrens, M.W. Woolrich, M. Jenkinson, H. Johansen-Berg, R.G. Nunes, S. Clare, P.M. Matthews, J.M. Brady, S.M. Smith: Characterization and Propagation of Uncertainty in Diffusion-Weighted MR Imaging. In: Magnetic Resonance in Medicine. 50, S. 1077â1088, 2003.
- â C.-P. Lin, W.-Y. I. Tseng, H.-C. Cheng, J.-H. Chen: Validation of diffusion tensor magnetic resonance axonal fiber imaging with registered manganese-enhanced optic tracts. In: NeuroImage, 14(5), S. 1035â1047, 2001.
- â J. Dauguet, S. Peled, V. Berezovskii, T. Delzescaux, S. K. Warfield, R. Born, C.-F. Westin: 3D histological reconstruction of fiber tracts and direct comparison with diffusion tensor MRI tractography. In: Medical Image Computing and Computer-Assisted Intervention, Seiten 109â116, Springer, 2006.
- â K.-O. Lövblad, H.-J. Laubach, A.E. Baird, F. Curtin, G. Schlaug, R.R. Edelman, S. Warach: Clinical Experience with Diffusion-Weighted MR in Patients with Acute Stroke. In: American Journal of Neuroradiology. Oak Brook Ill 19.1998, S. 1061â1066. ISSN 0195-6108
- â E. V. Sullivan und A. Pfefferbaum: Diffusion Tensor Imaging in Aging and Age-Related Neurodegenerative Disorders. Kapitel 38 in D. K. Jones (Hrsg.): Diffusion MRI: Theory, Methods, and Applications. Oxford University Press, 2011.
- â T.E.J. Behrens, H. Johansen-Berg u. a.: Non-invasive mapping of connections between human thalamus and cortex using diffusion imaging. In: Nature Neuroscience. New York 6.2003,7, 750-757. ISSN 1097-6256
- â E.O. Stejskal, J.E. Tanner: Spin Diffusion Measurements â Spin echoes in the presence of a time-dependent field gradient. In: Journal of Chemical Physics. Melville 42.1965, S. 288â292. ISSN 0021-9606
- â S. M. Smith, M. Jenkinson, H. Johansen-Berg, D. Rueckert, T. E. Nichols, C. E. Mackay, K. E. Watkins, O. Ciccarelli, M. Z. Cader, P. M. Matthews, T. E. J. Behrens: Tract-based spatial statistics: Voxelwise analysis of multi-subject diffusion data. In: NeuroImage. 31(4), S. 1487â1505, 2006.
