
Der Kreditaufschlag oder BonitĂ€tsaufschlag, als Anglizismus auch Credit Spread genannt (deutsch auch Renditedifferenz oder Renditespanne), ist im Finanzwesen die Differenz zwischen zwei ZinssĂ€tzen, nĂ€mlich einem risikobehafteten und einem risikofreien Referenzzinssatz gleicher Laufzeit. Er gibt die RisikoprĂ€mie an, die ein Investor als Kompensation fĂŒr das eingegangene Kreditrisiko erhĂ€lt.
Wortherkunft âCredit Spreadâ
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Anglizismus âspreadâ ist als Spreizung[1], d. h. Differenz, Spanne oder Marge zu ĂŒbersetzen und bezeichnet allgemein jegliche Differenz zweier betrachteter GröĂen. Als credit spread bezeichnet man die Differenz zwischen der Rendite einer risikobehafteten Anleihe und der Rendite einer quasi risikolosen Benchmark bei sonst identischen Konditionen (insbesondere Laufzeit). Unter credit verstand man seit 1959[2] ausschlieĂlich das Emittentenrisiko von Unternehmensanleihen, da der credit spread ursprĂŒnglich ausschlieĂlich als RisikomaĂ fĂŒr das BonitĂ€tsrisiko von Anleihen diente. Verglichen wurden seither die Spreads von Unternehmensanleihen mit risikolosen Staatsanleihen und von Staatsanleihen verschiedener Staaten untereinander.
SpĂ€ter wurde der Kreditaufschlag oder âCredit Spreadâ im Bankwesen auf alle Kreditrisiken, sogar ganzer Kreditportfolios, ausgedehnt. Als MaĂ fĂŒr das Kreditrisiko enthĂ€lt er Erwartungen ĂŒber die Ausfallwahrscheinlichkeit und ĂŒber die Erlösquote bei KreditausfĂ€llen. Als verzinsliche VermögensgegenstĂ€nde kommen somit konkret Anleihen und Kredite in Frage. HĂ€lt ein deutsches Kreditinstitut eine auslĂ€ndische Staatsanleihe im Bestand, so ergibt sich der Kreditaufschlag aus der Differenz zwischen der Rendite dieser Anleihe und der Rendite einer Bundesanleihe gleicher Laufzeit.
Berechnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Beim Kreditaufschlag werden die Renditen zweier Anleihen miteinander oder Kredite mit einer risikolosen Anleihe verglichen:
Eine ârisikolose Staatsanleiheâ als Referenzobjekt ist ein theoretisches Konstrukt, da Staatsanleihen nie ganz frei von Ausfallrisiken sind. Dass Staaten keinem BonitĂ€tsrisiko ausgesetzt sind, ist in der Finanzgeschichte empirisch widerlegt.[3] In der Praxis spricht man der Einfachheit halber Staatsanleihen mit einem AAA-Rating das Attribut ârisikolosâ zu. Dass Staatsanleihen innerhalb dieser besten BonitĂ€tsklasse unterschiedliche Renditen versprechen, wird dann nicht durch unterschiedlich eingeschĂ€tztes Kreditrisiko, sondern ĂŒber die Einflussfaktoren MarktliquiditĂ€t und Steuern erklĂ€rt.[4]
Eine risikolose staatliche Referenzanleihe muss drei Bedingungen erfĂŒllen:
- Sie muss frei von Ausfallrisiko sein.
- Sie muss das gesamte Laufzeitspektrum abbilden.
- Sie muss aktiv auf einem liquiden Markt gehandelt werden.
Anleihen, die von Staaten bester BonitÀt emittiert wurden, werden in diesem Zusammenhang als ausfallrisikofrei angesehen. Dazu zÀhlen Deutschland und die USA. Neben Staatsanleihen solcher Staaten werden auch Swaps und Pfandbriefe als frei von Ausfallrisiko angesehen.
Kreditrisiko
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Kreditrisiko ist mit der BonitĂ€t des Emittenten verknĂŒpft. Ratingagenturen wie Standard & Poorâs (S&P), Moodyâs und Fitch Ratings stufen die BonitĂ€t von Emittenten nach einem standardisierten Prozess ein. Das Ergebnis der EinschĂ€tzung ĂŒber die zukĂŒnftige SchuldentilgungsfĂ€higkeit ist das Rating, also die Einordnung des Emittenten in eine BonitĂ€tsklasse. Emittenten der gleichen BonitĂ€tsklasse sollten entsprechend KreditaufschlĂ€ge in vergleichbarer GröĂenordnung besitzen.
Das Kreditrisiko lĂ€sst sich in das Migrations- und das Ausfallrisiko untergliedern. Unter dem Migrationsrisiko versteht man die Gefahr, dass sich die BonitĂ€t des Emittenten verschlechtert und deshalb der Marktpreis der Anleihe oder des Kredits sinkt. Der GlĂ€ubiger erleidet in diesem Fall einen Vermögensverlust in Höhe der PreisĂ€nderung. Das Migrationsrisiko wird oftmals ĂŒber einen Wechsel in eine andere Ratingklasse operationalisiert.
Das Ausfallrisiko stellt einen Sonderfall des Migrationsrisikos dar. Die Anleihe migriert in die schlechteste Ratingklasse, die Ausfallklasse. Die Anleihe fÀllt aus und der Anleger erhÀlt von den noch ausstehenden Zins- und Tilgungszahlungen nur noch einen Anteil.
Spreadrisiko
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auch bei konstanter KreditqualitÀt eines Emittenten schwankt der Kreditaufschlag im Zeitablauf. Wenn die KreditaufschlÀge wegen einer zunehmenden Risikoaversion der Kapitalmarktakteure ansteigen, fallen ceteris paribus die Kurse von Unternehmensanleihen. Investoren erleiden einen Vermögensverlust. Das Spreadrisiko wird vor allem in Kapitalmarktkrisen schlagend, wie es beispielsweise wÀhrend der LTCM-Krise 1998 oder wÀhrend der Subprime-Krise seit 2007 zu beobachten war.
LiquiditÀtsrisiko
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]LiquiditĂ€t drĂŒckt die Handelbarkeit von Anleihen aus. Ein Anleiheinvestor ist vom LiquiditĂ€tsrisiko betroffen, wenn er eine Position nicht zu einem gegebenen Marktpreis, sondern nur mit einem Preisabschlag verĂ€uĂern kann. Der Preis von liquiden Anleihen ist höher als der von illiquiden Anleihen. Daher weisen illiquide Anleihen eine höhere Rendite und damit einen höheren Kreditaufschlag auf.
BerĂŒcksichtigung der Teilrisiken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nicht alle Risiken einer Unternehmensanleihe flieĂen in den Kreditaufschlag ein. Von den systematischen Risiken (Marktrisiken) wird das ZinsĂ€nderungsrisiko ausgeschlossen â dem ja auch ârisikoloseâ Staatsanleihen ausgesetzt sind â und lediglich das Spread-Risiko berĂŒcksichtigt, von den unsystematischen (unternehmensspezifischen) Risiken sind nur die Kredit- und LiquiditĂ€tsrisiken Teil des Kreditaufschlags.[5] Der Kreditaufschlag stellt eine RisikoprĂ€mie fĂŒr die mit der Investition ĂŒbernommenen Kredit-, Spread- und LiquiditĂ€tsrisiken dar.
Arten und Ursachen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Neben dem absoluten Kreditaufschlag, der eigentliche Renditedifferenz, betrachtet man auch den relativen Kreditaufschlag als Quotient aus der Renditedifferenz und der risikolosen Rendite. Im Niedrigzinsumfeld â wenn die risikolose Rendite nahe oder sogar unter Null liegt â ist die Betrachtung des relativen Kreditaufschlags sinnlos. In einem ânormalenâ Zinsumfeld ist der relative Kreditaufschlag eine stabilere GröĂe als der absolute. Das liegt daran, dass auch die absolute Höhe des Zinsniveaus die Höhe des Kreditaufschlags beeinflusst.[6] Im Regelfall haben ansonsten vergleichbare Anleihen umso höhere KreditaufschlĂ€ge, je lĂ€nger ihre Laufzeit ist.
Ein Kreditaufschlag sagt nicht nur aus, wie der Kredit- oder Kapitalmarkt die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Schuldners einschĂ€tzt. Vielmehr flieĂen auch unternehmens- und anleihespezifische Risiken in den Kreditaufschlag ein. Unternehmensspezifisch sind LiquiditĂ€ts- und Steuerfragen und bei Krediten auch die Frage der Dauer einer GeschĂ€ftsbeziehung zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer zu berĂŒcksichtigen.[7] Zu den Marktrisiken gehören etwa Ereignisrisiken, die nicht unternehmensbedingt sind, sondern durch Finanztransaktionen wie UnternehmensĂŒbernahmen, Rekapitalisierungen oder AktienrĂŒckkĂ€ufe bei anderen Unternehmen verursacht werden.
Rating
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Je schlechter die BonitĂ€tsnote, desto höher die Ausfallwahrscheinlichkeit und desto höher ist im Normalfall der Kreditaufschlag. Nur in der Theorie besitzen Anleihen oder Kredite mit identischem Rating denselben Kreditaufschlag zur risikolosen Referenzanleihe. Es zeigte sich vielmehr, dass mit gleichem Rating versehene Schuldner im Markt unterschiedliche KreditaufschlĂ€ge aufwiesen.[5] Ein Grund hierfĂŒr ist, dass das Rating von Ratingagenturen nicht immer auf aktuellen Informationen beruht. Insbesondere sind die Agenturen bestrebt, im Rahmen ihrer âThrough-the Cycleâ-Philosophie Ratings unabhĂ€ngig von konjunkturellen EinflĂŒssen und damit weitgehend konstant zu halten.[8] Der Markt berĂŒcksichtigt dagegen tĂ€glich aktuelle Entwicklungen und Erwartungen und bepreist diese. Deshalb reagieren KreditaufschlĂ€ge auch auf BonitĂ€tsĂ€nderungen schneller als Ratingeinstufungen.
Um die gröbsten Diskrepanzen zwischen KreditaufschlĂ€gen und Ratings zu beseitigen, haben die Agenturen nach den Erfahrungen mit plötzlichen Rating-Abstufungen ĂŒber mehrere Stufen bis zum spekulativen oder Ramsch-Status (âfallen angelsâ) der Vergangenheit seit 2002 damit begonnen, auch aktuelle Marktentwicklungen wie die KreditaufschlĂ€ge in ihren Ratings stĂ€rker zu berĂŒcksichtigen. Der Kreditaufschlag kann sich damit auf das Rating auswirken â nicht nur umgekehrt.
Bei den Collateralized Debt Obligations (CDOs) hat sich jedoch wĂ€hrend der Finanzkrise ab 2007 gezeigt, dass sie gegenĂŒber den US-Treasury-Bonds einen erheblichen Kreditaufschlag aufwiesen, obwohl beide jeweils mit AAA eingestuft wurden. Der Markt hatte also in den CDOs ein viel höheres Risiko gesehen, als es in der BonitĂ€tsnote zum Ausdruck kam. Wie sich wĂ€hrend der Finanzkrise herausstellte, beinhalteten die CDOs erhebliche Klumpenrisiken mit positiven Korrelationen der in ihnen verbrieften Immobilienkredite, was die Ratingagenturen in ihren BonitĂ€tsnoten nicht oder nicht angemessen berĂŒcksichtigten.
Credit Default Swaps
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Credit Default Swaps (CDS) sind Kreditausfall-TauschgeschĂ€fte und als solche dienlich zur Absicherung des Ausfallrisikos. Ihre Preisbildung beinhaltet Kreditaufschlag, den sogenannten CDS-Spread. Anleihebasierte KreditaufschlĂ€ge und CDS-Spreads unterscheiden sich in ihrer Höhe. Verwendet man Staatsanleihen als risikofreie Referenz, so ĂŒbersteigen KreditaufschlĂ€ge regelmĂ€Ăig CDS-Spreads. WĂ€hrend KreditaufschlĂ€ge als Differenz berechnet werden mĂŒssen, stehen CDS-Spreads ĂŒber Börseninformationssysteme fĂŒr zahlreiche Emittenten und verschiedene Restlaufzeiten direkt zur VerfĂŒgung.
Theoretisch ist der Marktpreis eines Credit Default Swaps mit dem Kreditaufschlag fĂŒr denselben Schuldner und dieselbe Laufzeit identisch. Credit Default Swaps, die das Ausfallrisiko eines Basiswerts absichern, liefern damit einen direkten Hinweis auf die Höhe der KreditaufschlĂ€ge, da die CDS-PrĂ€mien die Differenz zur risikolosen Staatsanleihe darstellen. Liegt beispielsweise die risikolose Rendite fĂŒr dreijĂ€hrige Anleihe bei 2,9 % und die dreijĂ€hrige CDS-PrĂ€mie auf einen bestimmten Schuldner betrĂ€gt 60 Basispunkte, so mĂŒsste die Rendite einer dreijĂ€hrigen Industrieanleihe dieses Schuldners bei 3,5 % liegen.
Der Kreditaufschlag entspricht bankbetrieblich dem erwarteten Verlust:[9] Der erwartete Verlust (auf Einjahressicht) ist das Produkt aus der durchschnittlichen jÀhrlichen Ausfallwahrscheinlichkeit und der Ausfallverlustquote:
Risikomanagement
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Risikomanagement soll zur systematischen Erkennung, Analyse, Bewertung, Ăberwachung und Kontrolle von Risiken in Unternehmen beitragen. Da sich KreditaufschlĂ€ge inzwischen als aktuelles RisikomaĂ etabliert haben, sind sie zu einem maĂgeblichen Risikoindikator fĂŒr das Risikomanagement in Banken und Versicherungen geworden. Durch ihre regelmĂ€Ăige Auswertung und die GegenĂŒberstellung mit Ratings einerseits und CDS-Spreads andererseits können wichtige Erkenntnisse ĂŒber die aktuelle BonitĂ€tseinschĂ€tzung von Schuldnern gewonnen werden.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Definition of SPREAD. Abgerufen am 29. August 2018 (englisch).
- â Lawrence Fisher: Determinants of the Risk Premiums on Corporate Bonds. In: Journal of Political Economy. Band 67, Nr. 3, 1959, S. 217â237 (englisch).
- â Von den vielen Staatsanleihen, die zumindest einem teilweisen Schuldenerlass ausgesetzt waren, seien genannt: Russlandkrise (August 1998) mit bis zu 70 % Ausfall, Argentinien-Krise (Dezember 2001) mit 65 % Ausfall, Griechenland-Krise mit 53,5 % Ausfall (Oktober 2011).
- â Alois Geyer, Stephan Kossmeier, Stefan Pichler: Measuring Systematic Risk in EMU Government Yield Spreads. In: Review of Finance. Vol. 8, Nr. 2, 2004, S. 171â197, doi:10.1023/B:EUFI.0000035191.62455.32 (englisch). Hier S. 194â195.
- â a b Matthias Schlecker, Credit Spreads, 2009, S. 12.
- â Heiko StaroĂom: Corporate Finance Teil 2, Finanzierung in den Lebensphasen einer Unternehmung, 2013, S. 495.
- â Heiko StaraĂom: Corporate Finance Teil 2, Finanzierung in den Lebensphasen einer Unternehmung, 2013, S. 591.
- â Gunter Löffler: An anatomy of rating through the cycle. In: Journal of Banking and Finance. Band 28, 2004, S. 695â720, doi:10.2139/ssrn.275842 (englisch, Online [PDF; 351 kB]). Hier S. 695.
- â Alexander Olbrich: Wertminderung von finanziellen Vermögenswerten der Kategorie "FortgefĂŒhrte Anschaffungskosten" nach IFRS 9 (= Rechnungslegung und WirtschaftsprĂŒfung. Band 36). BoD â Books on Demand, 2012, ISBN 978-3-8441-0125-6, S. 84 (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Matthias Schlecker: Credit Spreads â Einflussfaktoren, Berechnung und langfristige Gleichgewichtsmodellierung (= Reihe Finanzierung, Kapitalmarkt und Banken. Band 66). Eul Verlag, Lohmar/Köln 2009, ISBN 978-3-89936-812-3 (Information).
- Ulrich Pape, Matthias Schlecker: Berechnung des Credit Spreads. In: Finanz-Betrieb. Jg. 10, Nr. 10, 2008, ISSN 1437-8981, S. 658â665 (Information).
