
Bader (von mittelhochdeutsch badaere, Besitzer einer Badestube, der die Badenden bedient, sie zur Ader lĂ€sst, schröpft und ihre Haare pflegt[2]), auch StĂŒbner, lateinisch balneator bzw. weiblich balneatrix (Badefrau), genannt, ist eine alte Berufsbezeichnung fĂŒr den Betreiber oder Angestellten einer Badestube. Der Beruf ist seit dem Mittelalter bekannt. Einerseits waren Bader die âĂrzte der kleinen Leuteâ, die sich keinen Rat bei den studierten Ărzten leisten konnten. Andererseits waren sie aber bis ins 18. Jahrhundert wichtige Gehilfen der akademisch gebildeten Ărzteschaft (siehe Stellung und Rechte).
Wie die Feldschere ĂŒbten sie einen hochgeachteten, obgleich von der Wissenschaft nicht akkreditierten Heilberuf aus. Er umfasste das Badewesen, Körperpflege, Kosmetik und Teilgebiete der sich erst entwickelnden Chirurgie, Zahnmedizin und Augenheilkunde. So gehörten zum TĂ€tigkeitsbereich etwa das Schröpfen und das Aderlassen sowie die Versorgung kleinerer Wunden. Neben dem Bader arbeitete im Badehaus oft ein Scherer oder Barbier, der fĂŒr das Haareschneiden und Bartscheren zustĂ€ndig war. Aus diesen, manchmal schwer unterscheidbaren, Berufen entwickelte sich der Handwerkschirurg, spĂ€ter Wundarzt genannt.
Stellung und Rechte
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Die soziale Stellung der Bader wandelte sich mit der Zeit. Da sie Kranke, Verwundete und PflegebedĂŒrftige berĂŒhrten, gehörten sie mancherorts zu den sogenannten âunehrlichenâ Berufen,[3] die sich in keiner Zunft organisieren durften. In den stĂ€dtischen StĂ€ndegesellschaften des Mittelalters wurden Kinder aus Baderfamilien meist auch von der Aufnahme in andere ZĂŒnfte ausgeschlossen. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts erhielten sie durch Reichsgesetze der Jahre 1548 und 1577 die Möglichkeit, ein anderes Handwerk zu erlernen.[4] Die Badestube war allgemein als Ort der Prostitution bekannt, was von der Obrigkeit trotz teilweise wortgewaltiger Predigten fĂŒr eine geschlechtliche Keuschheit geduldet wurde.[5] KardinĂ€le, die selber an der Prostitution verdienten, waren genauso bekannt wie die Tatsache, dass dieses menschliche BedĂŒrfnis nicht mit Verboten in den Griff zu bekommen war. Augustinus urteilte bereits frĂŒh: âWenn ihr die Prostitution unterdrĂŒckt, wird leichtsinnige Lust die Gesellschaft verderbenâ,[6] denn man sah sie als Ventil fĂŒr schlimmere Eskapaden durch die zunehmende Masse derjenigen, die aus stĂ€ndischen oder zunftischen GrĂŒnden keine Möglichkeit hatten, zu heiraten.[7]
In manchen Regionen und StĂ€dten wurden sie jedoch bereits zuvor in die ZĂŒnfte aufgenommen, etwa in Augsburg und WĂŒrzburg 1373, in Hamburg 1375, und besonders im sĂŒdlichen Teil des Heiligen Römischen Reichs wurden sie geschĂ€tzte Mitglieder des BĂŒrgertums. So durchliefen Bader etwa in Wien, wo sich die Zunft der Bader bis an den Beginn des 15. Jahrhunderts zurĂŒckverfolgen lĂ€sst, eine handwerkliche Lehre und bildeten einen Stand. Auch in LĂŒbeck war das Badergewerbe bereits um 1350 (LĂŒbecker Baderrolle)[8] zĂŒnftisch geregelt.
Die Laufbahn vom Gesellen zum Meister war explizit geregelt. Die Lehre bei einem Meister dauerte drei Jahre. Danach war eine dreijĂ€hrige Wanderschaft und AusĂŒbung des Gewerbes[9] bei anderen Meistern gefordert. Erst nach Ablegung einer recht kostspieligen MeisterprĂŒfung und eines Examens an der Wiener Medizinischen FakultĂ€t war dem Bader dann die selbstĂ€ndige BerufsausĂŒbung erlaubt. 1548 erhielt diese Berufsgruppe im Heiligen Römischen Reich dann allgemein Zunftrechte.[10]
Neben den wenigen studierten Ărzten bildeten im spĂ€ten Mittelalter und der frĂŒhen Neuzeit die Bader (bzw. Badefrauen[11]), Barbiere, Scherer, WundĂ€rzte und Hebammen den Hauptanteil der Heilpersonen, vor allem der armen Bevölkerung in Stadt und Land (siehe auch: Chirurg). Das preuĂische SanitĂ€tswesen entwickelte sich aus dem deutschen âScherer- und Badertumâ.
Da das Konzil von Tours (1163) Klerikern die Chirurgie untersagte, mit der BegrĂŒndung, dass kein Geistlicher âBlutschuldâ (wenn der Patient an den Folgen der Operation verstorben wĂ€re) auf sich laden dĂŒrfe, vermieden kĂŒnftig akademisch ausgebildete Ărzte die Chirurgie. Beim AusfĂŒllen der dadurch entstandenen VersorgungslĂŒcke im Gesundheitswesen halfen Bader, die neben dem Badehaus, auch die âkleine Chirurgieâ betrieben, das heiĂt, sie versorgten zum Beispiel kleine Wunden und richteten KnochenbrĂŒche. So oblag den Badern zum Beispiel das Aufschneiden und Ausbrennen der Ă€uĂerst schmerzhaften Pestbeulen.
Eine Hauptaufgabe des auch als minutor[12] bezeichneten Baders bestand im Anwenden von Aderlass und Schröpfen. Hintergrund dieser Therapie ist die antike Lehre der KörpersĂ€fte. Krankheit war demnach ein Ă€uĂeres Zeichen der in Unordnung geratenen KörpersĂ€fte und insbesondere durch Blutentzug und Wiederherstellung des SĂ€ftegleichgewichts zu heilen. Ferner zogen die Bader ZĂ€hne und verabreichten Klistiere. Da die Aufgaben der Bader, WundĂ€rzte, Scherer oder Barbiere sich ĂŒberschnitten, kam es hĂ€ufig zu Streitigkeiten, bis die BerufsstĂ€nde grundsĂ€tzlich getrennt wurden.
Zum weiteren Personal der Badestube gehörten neben dem Scherer oder Barbier und den Auszubildenden weitere historische Berufe. So gab es den Reiber, der die BadegĂ€ste trocknete und den Wasserzieher, der das Wasser fĂŒr das Bad aus dem Brunnen zog. Der Bader hatte mancherorts das Privileg, Esel (zum Transport der WasserkrĂŒge) im Stadtgebiet zu halten. Als medizinische HilfskrĂ€fte gab es die Lasser (auch Lassner, LĂ€sser, Lassmann, Later), die die Patienten zur Ader lieĂen sowie die Spezialisten der Schröpfköpfe, deren Nachfahren Schrepper (auch Schrepfer, Schreppel, SchrĂ€pler, Schrepfermann) heiĂen. Beim Betrieb des Badehauses halfen hĂ€ufig Badeknechte und BademĂ€gde.
Im Badehaus ging es oft nicht nur um die Körperpflege und Hygiene, sondern auch um das VergnĂŒgen beim Baden. BadehĂ€user waren soziale Treffpunkte. Es wurden Speisen gereicht und Geschichten ausgetauscht. Mitunter waren sie Heiratsvermittler oder Bordelle, die teilweise schlechten hygienischen ZustĂ€nde fĂŒhrten zur Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten.
In Bayern gab es noch im 19. Jahrhundert Baderschulen, unter anderem in WĂŒrzburg und in Landshut.[13][14] Diesen âBadern der neuen Ordnungâ war ab 1899 beispielsweise erlaubt, als Zahnbehandler tĂ€tig zu sein und ZĂ€hne zu ziehen.[15]
Weitere Entwicklung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem DreiĂigjĂ€hrigen Krieg (1618â1648) wurden viele Badstuben durch Verordnung der Landesherren oder StĂ€dte geschlossen. Dadurch wandelte sich das Berufsbild erneut, da die weiter tĂ€tigen Bader nun wie Barbiere und andere Berufe ihre TĂ€tigkeit im Freien oder âfahrendâ ausĂŒbten. Durch die im 18. Jahrhundert stĂ€rker einsetzende Errichtung von KrankenhĂ€usern auch fĂŒr Nichtreiche oder gar BedĂŒrftige ging die Bedeutung der Bader im Bereich Heilkunde zurĂŒck, die wissenschaftlich ausgebildeten UniversitĂ€tsĂ€rzte ĂŒbernahmen einen immer gröĂeren Teil dessen, was frĂŒher ĂŒberwiegend Badern vorbehalten war. Doch auch Dorfbader wie zum Beispiel Franz Georg Nonnen (Bader im Rentamt Burghausen von Prutting) publizierten ihr Wissen.[16] In PreuĂen wurde das SanitĂ€tswesen dagegen aus dem Baderwesen heraus entwickelt und damit professionalisiert. Zu diesem Zweck wurden spezielle Ausbildungseinrichtungen gegrĂŒndet, etwa 1710 die CharitĂ© in Berlin. Auch andernorts ergaben sich Wechselbeziehungen oder sich ergĂ€nzende TĂ€tigkeiten. In manchen Gemeinden standen sich Badhaus und Krankenhaus zeitweise rĂ€umlich und arbeitsteilig gegenĂŒber. Der Beruf des Baders wurde in Deutschland bis in die 1950er Jahre ausgeĂŒbt und war gesetzlich geregelt. Heute werden Teile des Arbeitsspektrums der ehemaligen Bader von verschiedenen Berufen (mit-)ĂŒbernommen, etwa von OrthopĂ€den, Physiotherapeuten, Masseuren, ManikĂŒren, Kosmetikern oder Heilpraktikern.
Schutzpatrone
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Heiligen ZwillingsbrĂŒder Cosmas und Damian sind aufgrund ihres Arztberufs unter anderem auch Schutzpatrone der Bader.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Robert BĂŒchner: Im stĂ€dtischen Bad vor 500 Jahren. Badhaus, Bader und BadegĂ€ste im alten Tirol. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2014, ISBN 978-3-205-79509-4 (Digitalisat; Volltext als wissenschaftlicher Openaccess downloadbar)[17]
- Erik Hahn: Medizinalgesetzgebung in Kursachsen. In: Ărzteblatt Sachsen, 2007, S. 525â527, 569â572; ISSN 0938-8478.
- A. Jegel: BĂ€der, Bader und Badesitten im alten NĂŒrnberg. In: Reichsstadt NĂŒrnberg, Altdorf und Hersbruck (= Freie Schriftenfolge der Gesellschaft fĂŒr Familienforschung in Franken. Band 6). NĂŒrnberg 1954.
- Gundolf Keil: Die medizinische Versorgung durch Bader und WundĂ€rzte zur Zeit des Paracelsus. In: Volker Zimmermann (Hrsg.): Paracelsus. Das Werk â die Rezeption. BeitrĂ€ge des Symposiums Basel 1993. Stuttgart 1995, S. 173â194.
- Susanne Stolz: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, PerĂŒckenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen KörperverstĂ€ndnisses. Jonas Verlag, Marburg 1992, ISBN 3-89445-133-5 (zugleich: Marburg, UniversitĂ€t, Dissertation, 1992).
- Birgit Tuchen: Ăffentliche BadhĂ€user in Deutschland und der Schweiz im Mittelalter und der frĂŒhen Neuzeit. Michael-Imhof-Verlag, Petersberg 2003, ISBN 3-935590-72-5 (zugleich: TĂŒbingen, Univ., Diss., 1999).
- Gustav Adolf Wehrli: Die Bader, Barbiere und WundĂ€rzte im alten ZĂŒrich. ZĂŒrich 1927 (= Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in ZĂŒrich, XXX, 3).
- Martin Widmann, Christoph Mörgeli: Bader und Wundarzt, Medizinisches Handwerk in vergangenen Tagen. Medizinhistorische Institut und Museum der UniversitĂ€t ZĂŒrich, ZĂŒrich 1998.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Der Beruf des Baders. elmar-lorey.de
- Der Bader (Badwesen). landschaftsmuseum.de
- Roger Jean Rebmann: BĂ€der im mittelalterlichen Basel. altbasel.ch
- Juri Schmidhauser: Wie im Mittelalter. Basler Museum wird zum Badehaus. srf.ch
- Grabung + Vereinsarbeit Thermalbad. srf.ch
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Vgl. auch Der Bader. In: Hans Sachs: Eygentliche Beschreibung Aller StĂ€nde auff Erden. Frankfurt am Main 1568; Volltext (Wikisource).
- â Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage, hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck (â21. unverĂ€nderte Auflageâ) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 44.
- â Jost Schneider: Sozialgeschichte des Lesens: zur historischen Entwicklung und sozialen Differenzierung der literarischen Kommunikation in Deutschland. Walter de Gruyter, Berlin 2004, S. 154. ISBN 3-11-017816-8
- â Deutsche EncyclopĂ€die oder Allgemeines Real-Wörterbuch aller KĂŒnste und Wissenschaften. Band 18, Varrentrapp und Wenner, Frankfurt am Main 1794, S. 277
- â Stolz, S. 104 ff., S. 108.
- â Stolz, S. 108.
- â Stolz, S. 109
- â Ralf Bröer: Medizinalgesetzgebung/Medizinrecht. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): EnzyklopĂ€die Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 942â950; hier: S. 942 f. (Heilberufe).
- â Gertrud Wagner: Das Gewerbe der Bader und Barbiere im deutschen Mittelalter. (Philosophische Dissertation Freiburg im Breisgau 1918) Zell i. W. (Buchdruckerei F. Bauer) 1917.
- â Gustav Adolf Wehrli: Die WundĂ€rzte und Bader als zĂŒnftige Organisation. Geschichte der Gesellschaft zum Schwarzen Garten [âŠ]. ZĂŒrich 1931 (= Mitteilung der Antiquarischen Gesellschaft in ZĂŒrich, XXX, 8).
- â Karl Ernst Georges: balneatrix. In: AusfĂŒhrliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. 8., verbesserte und vermehrte Auflage. Band 1: AâH. Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1913, Sp. 782 (Digitalisat. zeno.org).
- â Volker Rödel: Minutor ministerialis. Zur soziolen MobilitĂ€t von Heilhilfspersonen in Klöstern des Hochmittelalters. In: Medizinhistorisches Journal, Band 14, 1979, S. 17â175.
- â Die Baderschulen in Bayern. 1840; books.google.de
- â Hans-Carossa-Gymnasium Landshut (2004) books.google.de
- â Dominik GroĂ: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit: Der Stellenwert zahnbehandelnder MaĂnahmen in den AnfĂ€ngen der gesetzlichen Krankenversicherung (1883â1919). In: WĂŒrzburger medizinhistorische Mitteilungen 17, 1998, S. 31â46; hier: S. 40.
- â Franz Georg Nonner: Der redliche Dorfbader oder Medicinisch-chirurgisches Handbuch zum schnellen und sichern Gebrauch in Krankheiten und Nothfaellen auf dem Lande. Johann Michael Daisenberger (Imprimatur: MĂŒnchen 1791) Stadtamhof 1799
- â Robert BĂŒchner: IM STĂDTISCHEN BAD VOR 500 JAHREN - Badhaus, Bader und BadegĂ€ste im alten Tirol. In: https://library.oapen.org/bitstream/20.500.12657/33486/1/467998.pdf. Böhlau 2014, abgerufen am 30. Januar 2025.
